62 Österreichische Zeitschrift fur Volkskunde
LXV/ 114, 2011, Heft 1
nau gegenüberstanden
der alte und der neue» Reichsdom<< wurden so
in eine axiale Beziehung zueinander gestellt.29
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Im Skulpturenschmuck der Fassade lässt sich kein eindeutiges Pro-gramm im Sinne einer» Ordnung der Heiligen« ausmachen. Die Fassadezeigt vielmehr einen heilsgeschichtlichen Gemischtwarenladen, in demquer durch Altes Testament, Neues Testament, Apokryphen und Legen-da Aurea kaum eine wichtige Gruppierung fehlt: Präsent sind Prophe-ten, Apostel, Engel, Evangelisten und Märtyrer, im Zentrum steht Chri-stus, daneben finden sich aber auch Darstellungen aus der Schöpfungs-geschichte und mariologische Motive. Eingestreut sind allerdings- undhierin zeigt sich doch wiederum eine politische Konnotation dieses Fi-gurenarsenals Patrone der habsburgischen Kronländer wie Koloman,Virgil, Joseph, Leopold, Johannes Nepomuk, Wenzel, Spiridon, Mi-chael, Kyrill und Method sowie die Könige Stephan und Ladislaus. AuchNamenspatrone der Kaiserfamilie sind vertreten: Franz von Assisi, Eli-sabeth, Sophia und Maximilian. 30 Im Inneren der Kirche setzt sich diesesPrinzip fort: Die von Ferstel selbst entworfenen Malereien der Gewölbezeigen christliche Symbole und Symbolfiguren in einer ähnlichen moti-vischen Häufung wie an der Fassade, eingebettet in einen sich über dasKirchenschiff erstreckenden Stammbaum Christi(» Wurzel Jesse<<). Anden Arkadenwänden des Langhauses finden sich dann die Wappen allerim>> Großen Titel«< des Kaisers genannten Reichsteile und Provinzen, bishin zu phantastischen Herrschaftstiteln wie dem eines» Königs von Je-rusalem«<, dessen Wappen ganz vorn beim Querhaus zu besichtigen ist.³¹
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In einem Detail der Kanzel findet sich im Übrigen auch eine Anspielung auf St.Stephan: Wie dort schon Anton Pilgram, der zeitweise die Dombauhütte leitete, hatsich hier auch Heinrich Ferstel mit einer Portaitplastik verewigt. Vgl. Joseph Farru-gia: Votivkirche in Wien. Ried im Innkreis 1990, S. 34.
Die ikonographischen Deutungen nach Justus Schmidt/ Hans Tietze: Dehio Wien( Die Kunstdenkmäler Österreichs). 6. Auflage Wien 1973, S. 383.
Der>> Große Titel«< des Kaisers war bis 1918 in Gebrauch und lautet in seiner vollenFormulierung:» Franz Joseph I., von Gottes Gnaden Kaiser von Oesterreich; Kö-nig von Ungarn und Böhmen, König der Lombardie und Venedigs, von Dalmatienund Croatien, Slavonien, Galizien, Lodomerien und Illyrien; König von Jerusalemetc.; Erzherzog von Oesterreich; Grossherzog von Toscana und Krakau; Herzog vonLothringen, von Salzburg, Steyer, Kärnthen, Krain und der Bukowina; Grossfürstvon Siebenbürgen; Markgraf von Mähren; Herzog von Ober- und Nieder- Schle-sien, von Modena, Parma, Piacenza und Guastalla, von Auschwitz und Zator, vonTeschen, Friaul, Ragusa und Zara; gefürsteter Graf von Habsburg und Tirol, von