Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde114 (2011) / N.S. 65Wietschorke, Jens: Nationale Selbstheiligung und politische Kultur im 19. und 20. Jahrhundert

  
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Nationale Selbstheiligung und politische Kultur im 19. und 20. Jahrhundert : die Wiener Votivkirche
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Jens Wietschorke, Nationale Selbstheiligung und politische Kultur: Die Wiener Votivkirche

das Programm seines ersten bedeutenden Werkes angeht, zeigen schondie Daten der Baugeschichte den Primat der Politik über die Liturgiean: Die Grundsteinlegung fand am 24. April 1856 statt- und damit amzweiten Hochzeitstag von Franz Joseph und Elisabeth. Auch die Weiheder Kirche im Jahr 1879 fiel auf den 24. April und damit exakt auf denTag der Silberhochzeit des Kaiserpaares. 26 Die religiöse Funktion desKirchenbaus war also von Beginn an seiner Bedeutung als Denkmal undErinnerungsort des Kaiserhauses untergeordnet, dem plötzlichen poli-tischen Ereignis von 1848 wurde die» selbstreferentielle Zeiteinteilung<<monarchischer Jubiläen als» Säkularisate« des christlichen Festkalendersentgegengesetzt. 27 Auch dass die Kirchenfassade nicht wie in der sa-kralen Architektur seit dem späten Mittelalter üblichsondern nach Südosten ausgerichtet wurde, zeigt den Vorrang der po-litischen über die religiöse Funktion der Kirche an: Die der Stadt undder entstehenden Ringstraße repräsentativ zugewandte Lage der Fassa-de war fester Bestandteil von Ferstels städtebaulicher Planung, die tra-ditionelle, liturgisch und heilsgeschichtlich motivierte Orientierung desSanktuariums war demgegenüber weniger entscheidend. 28 Für Bauplatzund Positionierung sprach auch die Tatsache, dass die Fassaden von St.Stephan und seinem neugotischen Pendant auf diese Weise einanderge-

nach Westen,

26 Eine ähnliche Geschichtspolitik wurde auch bei der Weihe des 1880 fertiggestell-ten Kölner Doms verfolgt. Obwohl es auch möglich gewesen wäre, das Datum derGrundsteinlegung 1248- den 15. August, also Mariae Himmelfahrt auch für dieWeihe zu wählen, entschied man sich für den 15. Oktober als Datum für die Fei-erlichkeiten: den Geburtstag von König Friedrich Wilhelm IV., der sich für denWeiterbau eingesetzt hatte. Schon aus der mittelalterlichen Reichskirche kennenwir eine solche Sakralisierung von Herrscherpersönlichkeiten über Weihedaten. Sowurde der Bamberger Dom im Jahr 1012 am Geburtstag seines Stifters HeinrichII. geweiht. Vgl. Norbert Ohler: Die Kathedrale. Religion- Politik- Architektur.Düsseldorf 2007, S. 387.

27 Vgl. Telesko( wie Anm. 23), S. 70-74.

28 Freilich ist die Ostausrichtung von Kirchenbauten zu keiner Zeit eine feststehendeRegel gewesen- vielmehr existierte daneben auch noch eine starke Tradition>> moreromano«<, denn sowohl die Lateransbasilika als auch die Peterskirche weisen mitApsis und Hochaltar gen Westen. Vgl. dazu Matthias Untermann: Handbuch dermittelalterlichen Architektur. Darmstadt 2009, S. 34-36.

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