60 Österreichische Zeitschrift fur Volkskunde
LXV/ 114, 2011, Heft 1
seiner Weihe sowohl zur Garnisonkirche als auch zur Universitätskirchebestimmt wurde, 22 zeigt den umfassenden Anspruch dieses National-denkmals, das nicht nur die Amalgamierung von Staat und Kirche reprä-sentierte, sondern auch Militär und Wissenschaft als integrale Bestand-teile des politisch- religiösen Komplexes ausdeutete. In diesem Sinnekann die Votivkirche als ein reaktionäres» Superzeichen«< der Monarchieund ihrer Herrschaftsinstitutionen verstanden werden einer Monar-chie, die 1848 in die Krise geraten war und durch die Adaption national-romantischer Pathosformeln an Boden zu gewinnen suchte. Die histori-stische Repräsentationsarchitektur der» Ringstraßenzeit«< war der idealeTräger solcher Botschaften: Werner Telesko hat in seiner neuen medien-geschichtlichen Interpretation des 19. Jahrhunderts gezeigt, wie im Zugeder» Ästhetisierung und Theatralisierung aller Lebensbereiche«< ²³ beson-ders Bauwerke und Denkmäler zu bevorzugten visuellen Medien poli-tischer Kommunikation wurden. 24 Gerade die Solidität und Massivitätder»> gebauten Politik« schien historische Kontinuität und obrigkeitlicheLegitimation unter Beweis zu stellen. In diesem Sinne schreibt HorstSchwebel in der» Theologischen Realenzyklopädie«< über die Votivar-chitektur des 19. Jahrhunderts:» Votiv- und Gedächtniskirchen als einetraditionelle Erscheinung erreichten im 19. Jh., im Zuge einer Entwick-lung, die historische Vergewisserung und Bestätigung gerade im Denk-mal suchte, einen neuen Stellenwert innerhalb der städtischen Bebauung.Religiöse Bindung und weltlich- politische Ziele gingen dabei meist einefeste Verbindung ein<<. 25
An dem ausgeschriebenen Wettbewerb zur Errichtung einer Vo-tivkirche hatten sich 75 Architekten beteiligt den ersten Preis unddamit den Zuschlag erhielt der erst 26 Jahre alte Heinrich von Ferstel,der damit eine höchst erfolgreiche Architektenlaufbahn begann. Was
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Als Universitätskirche fungiert die Votivkirche heute noch, Garnisonkirche ist siehingegen nie wirklich gewesen. Zudem übernahm der Museumstrakt des schon inden 1850er Jahren fertiggestellten Arsenals im Wiener Südosten bereits die Funk-tion einer militärischen» Ruhmeshalle«<, so dass sich die Militärs auch in dieserHinsicht nicht um die Votivkirche bemühen mussten. Vgl. Rumpler( wie Anm. 11),S. 360-361.
Werner Telesko: Das 19. Jahrhundert. Eine Epoche und ihre Medien. Wien, Köln,Weimar 2010, S. 7.
Ebd., S. 119-156.
25 Horst Schwebel: Kirchenbau. In: Theologische Realenzyklopädie, Band 18. Berlin1989, S. 421-528, hier S. 510.