Jens Wietschorke, Nationale Selbstheiligung und politische Kultur: Die Wiener Votivkirche
St. Stephan Leopold Ernst forderte anlässlich des neuen Bauvorhabens:» Das Werk soll nach Jahrhunderten Zeugniß geben von dem religiösenSinne, dem Culturzustande der Gegenwart, der Untertanentreue, Hin-gebung und Liebe zu dem erhabenen ah. Kaiserhause, dem mächtigenRegentenstamme einer so reichen Monarchie wie das gewaltige Öster-reich aller Ehren voll[...]- eine Monumentalkirche, welche eine ganzeMonarchie errichtet«<. Der Baustil, über den sich solche Botschaftentransportieren ließen, war die( Neo-) Gotik- sie wurde im 19. Jahrhun-dert zum Medium einer» systematisch- ideologischen Annäherung an daschristliche Kunsterbe des Mittelalters«.18 Wenn Johann von Perthaleram 18. Februar akklamierte:» Das ganze Reich ein Dom!«<, dann verwieser implizit auch auf Karl Friedrich Schinkels Ideen zu einem» Dom allerDeutschen<< und die nationale Bewegung, die mit dem Weiterbau desgotischen Kölner Doms in Deutschland verbunden war. 19 Und so findetsich bereits in dem von Erzherzog Ferdinand Maximilian unterzeichne-ten Aufruftext die klare Forderung,» dass dieses Gotteshaus im gothi-schen Style errichtet werde, welcher ohne Zweifel am besten geeignet istdem Aufschwunge und Reichthume des christlichen Gedankens einenAusdruck zu geben<<. 20
Ein wesentlicher Aspekt der Planungsgeschichte der Kirche warauch das Vorhaben, hier
nach dem Vorbild der Westminster Abbeyoder des Pariser Panthéon eine» Ruhmeshalle<< der österreichischenGeschichte einzurichten. Moriz Thausing, Autor einer der wichtigstenProgrammschriften zur Votivkirche, schlug sogar vor, nach der Auflas-sung der Linienfriedhöfe die Überreste Beethovens, Schuberts, Grill-parzers und anderer Künstler im Kirchenraum beizusetzen.21 Dazu undüberhaupt zur Ausgestaltung einer österreichischen» Ruhmeshalle<< istes nie gekommen- das einzige Monument, an dem sich diese Idee heutenoch ablesen lässt, ist das aktuell in der Rosenkranzkapelle aufgestellteGrabmal für Niklas Graf Salm, den leitenden Militär bei der Verteidi-
gung Wiens gegen die Türkenbelagerung 1529. Dass der Bau bereits vor
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Zit. nach Telesko( wie Anm. 9), S. 92.
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Ebd., S. 85.
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Vgl. dazu u.a. Hugo Borger( Hg.): Der Kölner Dom im Jahrhundert seiner Vollen-dung. Ausstellungskatalog, 2 Bände. Köln 1980; Thomas Nipperdey: Der KölnerDom als Nationaldenkmal. In: Historische Zeitschrift 233, 1981, S. 595-613.
Zit. nach Telesko( wie Anm. 9), S. 92.
21 Vgl. ebd., S. 93–94.
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