Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde114 (2011) / N.S. 65Wietschorke, Jens: Nationale Selbstheiligung und politische Kultur im 19. und 20. Jahrhundert

  
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Nationale Selbstheiligung und politische Kultur im 19. und 20. Jahrhundert : die Wiener Votivkirche
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58 Österreichische Zeitschrift fur Volkskunde

LXV/ 114, 2011, Heft 1

Österreichs Dankbarkeit und Freude sich der Welt ankündigen kann<<. 10Das Bauvorhaben wurde auf diese Weise zum Symbol der Allianz vonStaat und Kirche und zeigte Österreich als» katholische Großmacht«<." 1Ein besonderer Stellenwert in diesem Narrativ kam der religiösen Auf-ladung der Person des Kaisers zu: In diesem Sinne heißt es in JohannGabriel Seidls Fassung der Kaiserhymne von 1854:» Gott erhalte, Gottbeschütze unsern Kaiser, unser Land! Mächtig durch des Glaubens Stüt-ze, führ' er uns mit weiser Hand«<. 12 Die symbolische Verbindung vonThron und Altar hatte im Rahmen eines katholischen Reichsgedankenseine lange Tradition in Österreich, veränderte sich aber in ihrer kon-kreten politischen Botschaft: Während die barocke Karlskirche- ihrer-seits auch eine Votivkirche-13 als das religionspolitische Denkmal derGegenreformation in Österreich gelten kann, stellt die Votivkirche ein>> geistliches Reichsheiligtum« der Doppelmonarchie dar, ¹ das nicht nurdie Integrität und göttliche Legitimation des Kaiserhauses, sondern nunauch die Einheit und Geschlossenheit des habsburgischen Reichsverban-des demonstrieren sollte. Kaiser Franz Joseph selbst gewann zumin-dest in katholischen Kreisen- durch das verhinderte Attentat an Popu-larität, wozu besonders das in zahllosen Schriften ausgebreitete sowie inDenkmälern und Votivbildern ikonisierte Motiv des» göttlichen Schut-zes<< beitrug. 15 Apologetische Texte wie Anton Zieglers» VaterländischeDenk- Blätter über das Attentat auf die allerhöchste Person Sr. kaiserl.königl. apostolischen Majestät Franz Joseph I.«< schilderten ausführ-lich die Dankzeremonie und Segnung des Kaisers in St. Stephan undfestigten so die Assoziationskette zwischen Reichskathedrale und kai-serlichem Gottesgnadentum. 16 Der Architekt und Dombaumeister von

10 Zit. nach Telesko( wie Anm. 9), S. 92.

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Vgl. Helmut Rumpler: Eine Chance für Mitteleuropa. Bürgerliche Emanzipationund Staatsverfall in der Habsburgermonarchie( Österreichische Geschichte 1804-1914). Wien 1997, S. 344-347.

Zit. nach Rumpler( wie Anm. 11), S. 347.

Der Bau der Karlskirche wurde von Kaiser Leopold VI. anlässlich der Pestepidemievon 1713 gelobt, vgl. dazu in aller Kürze den Eintrag» Karlskirche«< in Felix Czeike( Hg.): Historisches Lexikon Wien, Band 3. Wien 1994, S. 458-459.

Ernst Bruckmüller: Nation Österreich. Kulturelles Bewußtsein und gesellschaftlich-politische Prozesse. Wien, Köln, Graz 1996, S. 100.

15 Vgl. Telesko( wie Anm. 9), S. 76-91.

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Anton Ziegler: Vaterländische Denk- Blätter über das Attentat auf die allerhöchstePerson Sr. kaiserl. königl. apostolischen Majestät Franz Joseph I., Wien 1853.