Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde114 (2011) / N.S. 65Wietschorke, Jens: Nationale Selbstheiligung und politische Kultur im 19. und 20. Jahrhundert

  
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Nationale Selbstheiligung und politische Kultur im 19. und 20. Jahrhundert : die Wiener Votivkirche
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Jens Wietschorke, Nationale Selbstheiligung und politische Kultur: Die Wiener Votivkirche

Doch weiter zur konkreten Geschichte der Votivkirche und ihrempolitischen Kontext. Ohne die Ereignisse des Jahres 1848 wäre wederdie Entstehung noch das reichhaltige ikonographische Programm diesesKirchenbaus zu verstehen- der Bau ist gleichsam als ein obrigkeitlichesHerrschaftszeichen gegen die bürgerliche Revolution zu lesen. Der Wi-derstand gegen das restaurative» System Metternich«< hatte auch die Le-gitimationsgrundlagen der Monarchie schwer beschädigt. Während dieInnere Stadt zum Schauplatz eines Aufstands der studentischen» Akade-mischen Legion« wurde, nahmen aufständische Arbeiter Fabriken, Ge-schäfte und die Linienämter der Vorstädte ins Visier. Hier artikuliertesich erstmals das von Musner und Maderthaner genannte vorstädtische>> Andere da draußen«< als politische Formation. Nach der gewaltsamenNiederschlagung der revolutionären Bewegungen in Wien und denKronländern folgte eine umfassende Reform von oben. Der schwacheKaiser Ferdinand I. musste abtreten, als sein Nachfolger wurde der erst18 Jahre alte Franz Joseph I. inthronisiert. Gut vier Jahre später, am 18.Februar 1853, wurde der neue Kaiser zur Zielscheibe eines vermutlichpolitisch motivierten Attentats: Der ungarische Schneidergeselle JánosLibényi attackierte Franz Joseph auf der Kärntnerbastei mit einem Mes-ser, durch das Eingreifen des kaiserlichen Adjutanten sowie eines Pas-santen blieb der Kaiser aber unversehrt. Die Hinrichtung Libényis am26. Februar auf dem Wienerberg bei der Spinnerin am Kreuz war eineder letzten öffentlichen Exekutionen in Wien.

Noch am Abend des Attentats fand in St. Stephan ein Dankgottes-dienst statt, über den der Jurist Johann Ritter von Perthaler dichtete:>> Und das Gebet erhebt sich zu den Sternen,/ Es schwillt und strömthinaus, ein mächtger Strom/ Bis an des Reiches Grenzen, an die fernen,/ Nur ein Gefühl- Das ganze Reich ein Dom!«<. 9 Wenige Tage später,am 27. Februar 1853, veröffentlichte dann Erzherzog Ferdinand Maxi-milian einen Text, in dem er zum Bau einer Dankes- und Votivkircheaufrief. Darin heißt es, in Anspielung auf den abgehaltenen Dankgot-tesdienst:>> Im Hause Gottes haben wir die Errettung Sr. Majestät gefei-ert und ein Gotteshaus wird das schönste Denkmal sein, durch welches

8 Vgl. dazu in aller Kürze Karl Vocelka: Geschichte Österreichs. Kultur- Gesellschaft

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- Politik. München 2002, S. 198–205.

Zit. nach Werner Telesko: Kulturraum Österreich. Die Identität der Regionen inder bildenden Kunst des 19. Jahrhunderts. Wien, Köln, Weimar 2008, S. 92.

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