Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde114 (2011) / N.S. 65Wietschorke, Jens: Nationale Selbstheiligung und politische Kultur im 19. und 20. Jahrhundert

  
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Nationale Selbstheiligung und politische Kultur im 19. und 20. Jahrhundert : die Wiener Votivkirche
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Jens Wietschorke, Nationale Selbstheiligung und politische Kultur: Die Wiener Votivkirche

Zinskasernenbau und expansiven Verkehrs- und Kommunikationsadernein[...]. Zum anderen wird die Vorstadt zu einem Projektionsfeld derHerrschaft, in dem sich wirtschaftliche Unterwerfungsinteressen mitVorstellungen eines> Anderen da draußen als einem Vexierbild derModerne vermengen«.6 Gleichzeitig wird die Ringstraße selbst zu ei-ner Fassade der Macht, die sich historisch tradierter Formen politischerRepräsentation bedient: Die Börse etwa ist im Renaissancestil gehaltenund verweist damit auf den italienischen Ursprung des Bankwesens. DieUniversität, ebenfalls ein Neorenaissancebau, erinnert an die Universi-tätsgründungen des 15. und 16. Jahrhunderts und deren Bezugnahme aufdie Antike. Das Wiener Rathaus nimmt hingegen den Stil der flämi-schen Gotik und damit die starke kommunale Tradition der niederlän-dischen Städte auf. Das Parlament präsentiert sich in einer Melange ausgriechischer und römischer Antike, die u.a. auf die attische Demokratieverweist, das neobarocke Burgtheater dagegen spielt auf die Blütezeitdes Theaters im 17. und 18. Jahrhundert an. Jedes einzelne Bauwerk derRingstraße repräsentiert über die Adaptation eines spezifischen Baustilshistorische Traditionslinien, die seiner aktuellen Funktion entsprechen,die ihm aber auch symbolische Legitimation verleihen. Zusätzlich gar-niert mit eine Reihe monarchischer und bürgerlicher Denkmäler vonMaria Theresia bis Friedrich Schiller, ist der seit den 1850er Jahren neuentstandene Boulevard um die Innere Stadt also in der Tat als ein>> po-litisches Freilichtmuseum«< zu lesen- und damit als ein Dokument derpolitischen Kultur des 19. Jahrhunderts, innerhalb derer Architektur undStädtebau wichtige Medien staatlicher und bürgerlicher Selbstrepräsen-

tation waren.'

6 Ebd., S. 51.

7 Vgl. dazu die umfassende Dokumentation Renate Wagner- Rieger( Hg.): Die Wie-ner Ringstraße Bild einer Epoche. Die Erweiterung der Inneren Stadt unter KaiserFranz Joseph. 11 Bände, Wiesbaden 1970-1981. Zum Verständnis von Architek-tur und Städtebau als Ausdruck politischer Kultur allgemein vgl. die SammelbändeMartin Warnke( Hg.): Politische Architektur in Europa. Vom Mittelalter bis heute.Repräsentation und Gemeinschaft. Köln 1984; Hermann Hipp, Ernst Seidl( Hg.):Architektur als politische Kultur. Berlin 1996; Ernst Seidl( Hg.): Politische Raum-typen. Zur Wirkungsmacht öffentlicher Bau- und Raumstrukturen im 20. Jahrhun-dert(= Jahrbuch der Guernica- Gesellschaft, 11). Göttingen 2009. Vgl. auch die neuearchitektursoziologische Studie von Heike Delitz: Gebaute Gesellschaft. Architekturals Medium des Sozialen. Frankfurt a. M. 2010.

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