54 Österreichische Zeitschrift fur Volkskunde
LXV/ 114, 2011, Heft 1
Mit den folgenden Überlegungen zur Wiener Votivkirche möchteich die skizzierte politische Lektüre sakraler Räume fortsetzen.³ Kaumein österreichischer Kirchenbau eignet sich dafür so sehr, in kaum einenKirchenbau hat sich die politische Ideengeschichte der Doppelmonarchieso tief eingeschrieben wie in die Votivkirche. Vom Kontext ihrer Grün-dung bis hin zu den Details ihrer Symbol- und Zeichensprache zeigt siesich als ein eminent politisches Bauwerk. Zunächst ist die Kirche imKontext des baulichen und ideologischen Programms der Wiener Ring-straße zu betrachten, die die Stadtplanungshistorikerin Renate Banik-Schweitzer treffend als» politisches Freilichtmuseum«< des 19. Jahrhun-derts bezeichnet hat. Als Mythos verkörpere die Ringstraße das» Arran-gement des Staates konkret des> ancien régime<- mit der bürgerlichenGesellschaft<<. In der Tat lassen sich an der städtebaulichen Raumfigurund der Architektur des Rings Wiener Stadtpolitik und österreichischeGeschichtspolitik nach 1848 ablesen. Lutz Musner und Wolfgang Ma-derthaner zeigen in ihrer Studie über» Die Anarchie der Vorstadt«<, in-wiefern mit dem Bau der Ringstraße die sozialräumliche Ausgrenzungdes>> anderen Wien« der Vorstädte verstärkt und festgeschrieben wur-de. Die» sozial segregierende Architektur der> Ringstraßenzeit«<<< istfür sie» Teil einer doppelten Faltung städtischen Terrains<< und damit>> räumlich- territorialer Ausdruck von Macht und Abhängigkeit, von so-zio- kultureller Marginalisierung und ökonomischer Integration«<. Denn- so Musner und Maderthaner weiter-» zum einen schreibt sich in denVorstädten eine harte, Fakten und Strukturen schaffende Signatur vonFabriken und Industrialisierung des Alltags, rasanter Stadterweiterung,
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Wie schon der Beitrag zur Wallfahrtskirche Mariahilf ist auch dieser Text im Zu-sammenhang mit einer Kirchenführung für das Begleitprogramm der Ausstellung>> Heilige in Europa. Kult und Politik«< des Österreichischen Volkskundemuseumsentstanden. Für Anregungen und Unterstützung danke ich einmal mehr Birgit Joh-ler, Herbert Nikitsch und Margot Schindler. Diverse sachliche Hinweise verdankeich auch den TeilnehmerInnen meiner Lehrveranstaltung am Institut für Europä-ische Ethnologie im Wintersemester 2010/11» Kirchen verstehen: Zur symbolischenOrdnung sakraler Räume«, namentlich Michaela Haibl, Johann Heinrich, UlrikeHübner und Julia Lutz.
Renate Banik- Schweitzer: Ring- rund. Die Ringstraße als Ort politischer Öffentlich-keit und staatlicher Repräsentation. In: Dies. u.a.( Hg.): Wien wirklich. Der Stadt-führer. Wien 1996, S. 136-143, hier S. 136.
Lutz Musner, Wolfgang Maderthaner: Die Anarchie der Vorstadt. Das andere Wienum 1900. Frankfurt a. M. 1999.