Nationale Selbstheiligungund politische Kultur
im 19. und 20. Jahrhundert:Die Wiener Votivkirche
Jens Wietschorke
In den>> Mitteilungen« des vorigen Bandes dieser Zeitschrift ist ein Bei-trag erschienen, in dem ich versucht habe, etwas von der sozialräum-lichen Dimension und politischen Programmatik der WallfahrtskircheMariahilf aufzuzeigen. Dabei ging es um verschiedene Aspekte: zumeinen um eine raumtheoretische Deutung von Hierarchien und Diffe-renzierungen zwischen sakralen und profanen Räumen, zum anderenum die politische» Ordnung der Heiligen«<- also die Art und Weise, wiedas ikonographische Programm der Mariahilfer Kirche einen Konnexzwischen christlicher Heilsgeschichte und politischer Mythologie derHabsburgermonarchie herstellt. Darüber hinaus kam die Wallfahrtskir-che aber auch zumindest ansatzweise als bürgerlicher Repräsenta-tionsraum in den Blick: Über Stiftungen, Denkmäler und Votivtafelnhaben sich in vielfältiger Weise Privatpersonen im sakralen Raum ver-ewigt. Die Perspektive auf solche und andere Praktiken der Sakralisie-rung demonstriert, dass die räumlichen Grenzziehungen und Grenz-überschreitungen zwischen Sakral und Profan – und damit auch Religi-on und Politik selbst als politische Strategien gelesen werden müssen:als Praktiken der Distanzierung, Distinktion und des Ausschlusses, aberauch als Praktiken der Vereinnahmung und Aufladung» sozialer Güterund Lebewesen<«< ² mit einem mythischen surplus an Bedeutung.
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1 Jens Wietschorke: Sakraler Raum, Politik und die Ordnung der Heiligen. Ein Rund-gang durch die Wallfahrtskirche Mariahilf in Wien. In: Österreichische Zeitschriftfür Volkskunde LXIV, 2010, S. 657-677.
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Martina Löw: Raumsoziologie. Frankfurt a. M. 2001, S. 212.