36 Österreichische Zeitschrift fur Volkskunde
LXV/ 114, 2011, Heft 1
sen wird der Schwarze Peter» Osten« eilig dem jeweiligen Nachbarn imOsten zugeschoben, der ihn so schnell wie möglich noch ein Land nachOsten weiterreicht.38
Osteuropa hatte, trotz aller Freude auf westeuropäischer Seite überdie wiedergewonnene Freiheit der ehemaligen Ostblockstaaten und ihre>> Rückkehr nach Europa«, gemeinsam mit der Sowjetunion zu langeals Europas>> unsicherer Anderer« fungiert, als dass dieses Misstrauenschnell restlos ausgeräumt worden wäre. Die mentale Boundary West-europas verläuft nicht mehr exakt entlang des ehemaligen EisernenVorhangs, jedoch ist sie nicht in gleichem Maße mit der institutionellenEU- und Schengen- Border nach Osten gerückt. Der» Osten«< als tradier-tes Angstbild ist hochgradig symbolisch aufgeladen und wird im Zusam-menspiel mit neuen oder auch alltäglicheren Bedrohungen zum schlag-kräftigen Gefahrenszenario, das quasi reflexartig funktioniert. Wie gutdiese diskursive Verknüpfung gelingt, macht die Boulevardpresse mitder Erfindung des» Ostkriminellen<< vor.
Österreich: von der Peripherie ins Zentrum
Österreich stellte aus mehreren Gründen einen Sonderfall unter denStaaten der EU- 15, also der EU- Mitgliedstaaten bis 2004, dar. Zum ei-nen ist Österreich erst 1995 der Europäischen Union beigetreten. Vordem Beginn der Demokratisierungsprozesse in Osteuropa hatte dasLand einen neutralen Status zwischen den Staaten der NATO und de-nen des Warschauer Paktes inne, sah sich ideologisch jedoch stets alsTeil Westeuropas sowie als» Brücke« zwischen Ost und West. Mit derveränderten Sicherheitslage nach dem Ende des Kalten Krieges und derEntschärfung des Ost- West- Konflikts wurden die neutralen>> Brücken-bauer<< allerdings immer weniger benötigt. Wie Ferreira- Pereira aus-führt, fällt es den österreichischen politischen Eliten jedoch schwer, die>> mental habit<< der Neutralität abzulegen, nicht zuletzt, um das Wahlvolknicht zu vergrätzen:» Neutrality had become a question of identity and
38 Vgl. Milica Bakić- Hayden: Nesting Orientalisms: The Case of Former Yugoslavia.In: Slavic Review 54, 4, 1995, S. 917-931.