Bernd Rieken, Tiefen- und entwicklungspsychologische Zugange[...]
vollen Zusammenhang stehen und in der Natur alles miteinander ver-bunden ist.
Damit eröffnet sich ein weiterer Zugang zum Verständnis des Nu-minosen, nämlich die Theorie des epistemologischen Egozentrismus,welche der schweizerische Entwicklungspsychologe Jean Piaget entwi-ckelt hat.64»> Egozentrismus« ist in diesem Fall kein moralischer Begriff,sondern bezieht sich auf die Bedingungen der Erkenntnis und ist engmit magischen Vorstellungen verbunden. Die Welt zu verstehen, heißtim ursprünglichen Sinn, sie auf sich zu beziehen und im Mittelpunktseiner Anschauungswelt zu stehen. Ein Gewitter ist kein Naturereig-nis, das unabhängig von uns stattfindet, sondern hat Zeichencharakter,ist als Ausdruck göttlichen Zornes über unsere Sündhaftigkeit oder alsSchadenzauber bösartiger Hexen zu verstehen. Das egozentrische Es giltmir ist aber nicht nur eine verbreitete Denkweise in traditionellen Kultu-ren, sondern bezeichnet auch das ursprüngliche Weltbild des Kindes, umden Titel eines berühmten Werkes von Jean Piaget zu zitieren.65 Dazueinige Beispiele: Gott hat Sonne und Mond geschaffen, damit es für dieMenschen am Tag hell und in der Nacht nicht allzu dunkel ist( Artifizi-alismus).66 Ein Kind stößt sich am Stuhlbein, weil dieses böse Absichtenhat, denn die Dinge sind beseelt, haben ein Bewusstsein( Animismus).67Geht man zum Zahnarzt und wählt dabei eine bestimmte Straße, somuss man, wenn man dort große Schmerzen erlebt, das nächste Mal ei-nen anderen Weg benutzen( magische Partizipation).68
Das magische Denken ist demnach Teil jeder Ontogenese undschlummert gewissermaßen als Bodensatz am Grunde der menschlichenSeele. Dadurch wird auch verständlich, dass Regression oftmals mit derReaktivierung magischer Vorstellungen verbunden ist. So weiß man ausempirischen Untersuchungen, dass Berufsgruppen, welche mit erhöh-tem Stress und mangelnder Kontrollierbarkeit der Situation konfrontiertsind, besonders anfällig für magische Handlungen sind, etwa Studenten
64 Klaus E. Müller hat Piagets Theorie in einem wegweisenden Werk auf die Ethno-logie angewendet: Klaus E. Müller: Das magische Universum der Identität. Ele-mentarformen sozialen Verhaltens. Ein ethnologischer Grundriss. Frankfurt a. M.,New York 1987.
Jean Piaget: Das Weltbild des Kindes. Frankfurt a. M., Berlin, Wien 1980.
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Ebd., S. 209; S. 214.
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Ebd., S. 149.
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Ebd., S. 123.
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