16 Österreichische Zeitschrift fur Volkskunde
LXV/ 114, 2011, Heft 1
tige Emotionen frei, hat daher mit numinosem Erleben zu tun. Bei Jungheißt es dazu:
» Das Auftauchen der Archetypen hat einen ausgesprochen numi-nosen Charakter[...]. Er kann heilend sein oder zerstörend, aberindifferent ist er nie[...]. Es kommt[...] nicht selten vor, dass derArchetypus in der Gestalt eines Geistes in Träumen oder in Phanta-siegestalten erscheint oder sich gar wie ein Spuk benimmt«<. 47Diese Überlegungen hat Gotthilf Isler auf die Volksprosa angewendetund ist zu dem Ergebnis gekommen,» dass in den Sagen der numinoseHintergrund der unbewussten menschlichen Psyche selbst zum Wortkommt«.48 Für seine Dissertation hat er einen besonders grausamenSagentypus ausgewählt, nämlich die Sennenpuppe.49 Almhirten stellenaus Langeweile oder Übermut eine Puppe aus Lumpen, Stroh oder ähn-lichem her. Sie spielen mit ihr, füttern sie, und mitunter wird sie auch ge-tauft. Doch dann erwacht das Geschöpf zum Leben, wird gefräßig undherrschsüchtig. Als am Ende des Sommers die Alpabfahrt stattfindet,wird der hauptverantwortliche Hirte von der Sennenpuppe umgebrachtund seine Haut über das Hüttendach gespannt. Ähnlich wie für Freudsind für Jung Dämonen Projektionen des Unbewussten, und in diesemSinn interpretiert auch Isler die Erzählung:
>> Das ist tatsächlich die psychologisch zutreffende Deutung der Sen-nenpuppensage: In der Einsamkeit, weitab von Kirche und Dorf,› nährten ‹ Älpler einen Einfall, eine Idee, eine( Puppen-) Phantasie.Diese Phantasie wurde schließlich stärker als sie selber. Ein Inhaltder unbewussten Seele wurde stärker als das Ich<<. 50
Demnach begegnen in der Sennenpuppensage die Almhirten den nega-tiven Anteilen des Mutterarchetypus, in der Sprache C.G. Jungs demFinsteren, der Totenwelt, dem Vergiftenden und Unentrinnbaren.51
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Carl Gustav Jung: Theoretische Überlegungen zum Wesen des Psychischen. In:Gesammelte Werke, Bd 8: Die Dynamik des Unbewussten. 7. Aufl. Solothurn,Düsseldorf 1995a, S. 183-261, hier S. 232.
Gotthilf Isler: Die Sennenpuppe. Eine Untersuchung über die religiöse Funktioneiniger Alpensagen(= Schriften der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde,52). Basel, Bonn 1971, S. X.
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Isler( wie Anm. 48).
50
Gotthilf Isler: Die Sage von der Sennenpuppe. In: Ders.: Lumen Naturae. Zumreligiösen Sinn von Alpensagen. Vorträge und Aufsätze. Küsnacht 2000a, S. 55-63,
hier S. 59.
51
Jung( wie Anm. 44), S. 97.