Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde114 (2011) / N.S. 65Rieken, Bernd: Tiefen- und entwicklungspsychologische Zugänge zum Verständnis des Numinosen, dargestellt am Beispiel der dämonologischen Sage

  
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Tiefen- und entwicklungspsychologische Zugänge zum Verständnis des Numinosen, dargestellt am Beispiel der dämonologischen Sage
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Tiefen- und entwicklungspsycho-logische Zugänge zum Verständnisdes Numinosen, dargestellt amBeispiel der dämonologischen Sage

Bernd Rieken

Der auf den Theologen Rudolf Otto zurückgehende Be-griff des Numinosen bezeichnet ein spezifisches Gefühl,das sich einstellt, wenn man mit transzendenten Mäch-ten konfrontiert wird: Es erregt Grauen, ist faszinierend,dabei fremd und unheimlich. Ausgehend von SigmundFreuds Begriffsbestimmung des Unheimlichen wird dasNuminose anhand von Beispielen aus der traditionellenVolkssage und der modernen Sage in Beziehung gesetztzur Psychoanalyse, Individualpsychologie und KomplexenPsychologie sowie zu parapsychologischen Zugängen undzur Theorie des epistemologischen Egozentrismus desSchweizer Entwicklungspsychologen Jean Piaget.

Vorbemerkung

Wenn es im Folgenden um die Bedeutung des Numinosen aus tiefen-und entwicklungspsychologischer Sicht geht, dann wird damit ein Feldbetreten, das wissenschaftlich äußerst kontrovers beurteilt wird, weilDisziplinen miteinander verbunden werden, die in der Regel gegensätz-liche Zielsetzungen haben. Während psychologische Zugänge allgemeingültige, Kultur übergreifende Deutungen anstreben, betrachten die Kul-turwissenschaften ihre Phänomene primär im historischen und sozialenKontext, sodass» essentialistische« und» konstruktivistische<< Ansätzeaufeinandertreffen. Darüber hinaus befindet sich die Tiefenpsychologiedas heißt die Schulen Sigmund Freuds, Alfred Adlers und Carl GustavJungs in einer Sonderstellung gegenüber allen anderen Wissenschaf-ten, indem sie Phänomene thematisiert, die nicht allein über kognitiv-