416 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXVI/ 115, 2012, Heft 3+ 4
Auch in anderen Referaten wurde die Rolle der Politik bei derEntstehung und Einrichtung von Museen deutlich. Erich Hold be-schäftigte sich in seinem Beitrag über die Cité nationale de l'histoirede l'immigration und das Musée du Quai Branly in Paris mit» frem-den Personen und Objekten in Frankreich«. Anhand der Konzepte des2006 eingeweihten Museums für außereuropäische Kunst und Kul-tur und des ein Jahr später eröffneten Museums der Immigration be-schrieb er den schwierigen Umgang mit der Darstellung des Anteils,den die verschiedenen Einwanderergruppen an der Konstruktion derfranzösischen Identität haben, und die Debatten( etwa über das Ko-lonialerbe), die diese politisch durchgesetzten Museumsgründungenbegleiteten. Petr Lozoviuk beschäftigte sich mit dem 1992 gegründetenEthnografischen Museum der Republik Krim in Simferopol, das essich zur Aufgabe gemacht hat, die ethnische Vielfalt des Landes dar-zustellen und eine ethnographische Bestandsaufnahme der Volkskulturder einzelnen ethnischen Gruppen zu leisten. Indem jedoch die ein-zelnen Gruppen jeweils separat, von den anderen getrennt dargestellt,Probleme zwischen den einzelnen» Minderheiten« nicht thematisiertund Objektgruppen ethnisiert würden, entstünde ein romantisierendesund folklorisiertes Bild der Krim. Eine Art Krimpatriotismus führtezu einer Homogenisierung und einer Verschmelzung der einzelnenNationalismen.
Neben der Betrachtung gegenwärtiger Museumsprojekte wurdenauch museologische Konzepte des späten 19. und der ersten Hälfte des20. Jahrhunderts in den Blick genommen. Am Beispiel des Stadtmu-seums Komotau/ Chomutov ging Sandra Kreisslová der Frage nachder Entstehung einer sudetendeutschen Identität nach. Bereits Mittedes 19. Jahrhunderts seien in Komotau erste Sammlungen angelegtworden, eine Museumsgesellschaft wurde 1911 gegründet, das ersteMuseum 1923 eröffnet. Anhand der Person von Dr. Rudolf Wenisch( 1892-1967), der Museum und Archiv Komotau von 1923 bis 1946 lei-tete, stellte Kreisslová die politischen Dimensionen der Kulturarbeitim>> Sudetenland« dar und beleuchtete unter anderem die Rolle derAnstalt für sudetendeutsche Heimatforschung Reichenberg und ihrerZweigstelle in Komotau.
Mit der frühen englisch- jüdischen Museologie beschäftigte sichder Beitrag von Kathrin Pieren. Die Anglo- Jewish Historical Exhibi-tion präsentierte 1887 als erste Ausstellung jüdische Kultur, bevor 1908die Mocotta Library und das Mocotta Museum und 1932 das Jewish