Jens Wietschorke, Beziehungswissenschaft
Sabine Eggmann hat den Kulturbegriff der Volkskunde/ EuropäischenEthnologie diskursanalytisch durchleuchtet und ist zu einem sehr be-merkenswerten Schluss gekommen: nämlich dass» Kultur« in derVolkskunde/ Europäischen Ethnologie- vielen gängigen Fachdefiniti-onen zum Trotz – eben nicht den Gegenstand des Wissens bildet, son-dern vielmehr das» Instrument volkskundlichen Arbeitens<<. 75 Sie siehtim Kulturbegriff eine disziplinspezifische» Relationierungsformel«<,die>> den VolkskundlerInnen konsequent zur Herstellung von Sichtbar-keit der unterschiedlichsten Inverhältnissetzungen[ sic] der Menschenin ihren historischen und sozialen Zusammenhängen« und damit dem>> Deuten und Verstehen der menschlichen Lebenspraxis« dient.» Kurz:› Kultur ‹ ist nicht das Objekt, sondern der Schlüssel volkskundlichenForschens«<. 76 Als den fokussierten Gegenstand des Faches bestimmtEggmann dagegen die Gesellschaft."
Was wäre, wenn wir diesen Befund in allen seinen Konsequenzenernst nehmen und» Kultur« nicht mehr als materialen Gegenstands-bereich, sondern als einen heuristisch zu fassenden Modus des Sozia-len · und damit auch als Forschungsperspektive – verstehen würden?Die Folgen wären auf den ersten Blick gravierend. Mit einem Schlagwären zentrale Gegenstandsbegriffe der Empirischen Kulturwissen-schaft wie>> Alltagskultur«,» Populärkultur«,» Subkultur« oder» mate-rielle Kultur<< in Frage gestellt. Was allerdings nicht verloren ginge, daswäre die Zentralität der kulturellen Perspektive auf die soziale Welt.Wenn Abu- Lughod kritisiert, Kultur sei»> the essential tool for makingother«<, 78 dann ist diese Perspektive gerade deshalb nicht aufzugeben,weil sie das Funktionieren einer Gesellschaft erklären kann, die sichwesentlich über Differenzen und kulturelles Othering konstituiert.Wir müssten den Satz also nur leicht modifizieren und Kultur als>> theessential tool for understanding the making other« verstehen, um denin die Kritik geratenen Begriff neu zu plausibilisieren. Welchen an-deren Begriff sollten wir auch benutzen, um zu untersuchen, was dieEthnologin Carola Lentz auf der Fachtagung der DGV 2011 in Wienals» Realessentialismen« bezeichnet hat: die Tatsache, dass in der so-
75 Eggmann( wie Anm. 9), S. 246.
76
Ebd., S. 246-247.
77
Ebd., S. 152, 246.
78 Abu- Lughod( wie Anm. 65), S. 143.
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