340 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXVI/ 115, 2012, Heft 3+ 4
mit konkreten Materialausschnitten einer als Überlieferungszusam-menhang begriffenen Geschichte und Gegenwart zu sehen? LiobaKeller- Drescher hat kürzlich in einem schönen Aufsatz versucht, dievolkskundlich- kulturwissenschaftliche Epistemologie von eben diesemUmgang mit Dingen her zu bestimmen. Sie bestimmt die Materialitätder historischen» epistemischen Dinge« als Impuls für ein» reflexivesWissenschaftsverständnis«<, ihr Verwickeltsein in komplexe Zusam-menhänge als erkenntnisgenerierendes Moment. 39 In der Tat bestandseit den Tagen der frühen Amateur- Volkskunde eine zentrale Tätigkeitder Fachvertreter im Sammeln und Ausstellen von» Reststücken derVergangenheit«<, 40 dem Situieren dieser Stücke in zeitlichen wie räum-lichen Zusammenhängen und dem pragmatischen und praxeologischenFragen danach, welchen» Sitz im Leben« das entsprechende Artefakteinnahm. Die epistemologische Wegstrecke des Denkens ging in deralten Volkskunde also vornehmlich vom überlieferten materiellenWirklichkeitsausschnitt( dem Haus, dem Mobiliar, dem Maibaum-schmuck, dem Heiligenbild, aber in einem erweiterten Sinne auch demLiedtext oder dem Sprichwort) zum Praxiszusammenhang, die dafürnotwendige gedankliche Operation war eben die Kontextualisierung,und das gilt auch heute noch für viele volkskundlich- kulturwissen-schaftliche Untersuchungen.» So wird aus einem kleinen unspektaku-lären Pudel, den ein Lehrer aus dem Nachlass seines Schwiegervatersersteigert, wenn er denn in den richtigen Kontext gesetzt wird, einSynonym für all jene Ambitionen, die in den Distinktionsbestrebun-gen des ländlich- bürgerlichen Milieus offenbart werden<<- so Johan-nes Moser vor einigen Jahren über eine Arbeit von Andrea Hauser zurdörflichen materiellen Kultur.41 Von dieser Blickeinstellung profitierteauch die museologische Methodendiskussion, in der die auch be-wusst befremdende und verfremdende- Konstruktion von Kontex-ten um konkrete Dinge und» Banalitäten« herum wichtig wurde. Aberauch die Schlüsselmethode des Faches in seiner gegenwartsethnogra-phischen Ausprägung ist als eine Form der problemorientierten Kon-
39 Lioba Keller- Drescher: Das Versprechen der Dinge- Aspekte einer kulturwis-senschaftlichen Epistemologie. In: Regula Rapp( Hg.): Verhandlungen mit( Mu-sik-) Geschichte(= Basler Jahrbuch für historische Musikpraxis, 32). Basel 2010,S. 235-248, hier S. 247.
40
Ebd., S. 239.
41 Moser( wie Anm. 9), S. 237.