Jens Wietschorke, Beziehungswissenschaft
das Soziale, umgekehrt aber wird auch sichtbar, dass das Soziale überKultur konstituiert und modelliert wird. In diesem komplexen Bedin-gungsgefüge gilt es nun die Spielräume auszumachen, in denen sich be-stimmte Praktiken konkret vollziehen. Diese Spielräume sind begrenztdurch soziale Strukturen, körperlichen Habitus( im Sinne inkorporir-ter sozialer Strukturen), materialisierte Handlungsprogramme; sie wer-den mehr oder weniger aktiv angeeignet und genutzt, und sie werdendurch Praktiken auch wiederum verändert und gegebenenfalls erwei-tert. Bourdieus Konzept des» Notwendigkeitsgeschmacks« etwa wirdnur dann verständlich, wenn wir im Geschmack eine kulturelle Praxissehen, die sich im Spielraum sozialer» Notwendigkeiten« entfaltet.36Überhaupt ist Bourdieus Kultursoziologie der paradigmatische Falleiner Theorie, welche die prinzipielle Relationalität von Kultur imwenn auch begrenzt – flexiblen Rahmen eines als Spielraum gedachtensozialen Raums denkt. Der soziale Raum stellt das wissenschaftlicheKonstrukt dar, mit dem Bourdieu seine empirischen Befunde verschal-tet, um diese generalisieren und den Einzelfall als» besonderen Fall desMöglichen«< konstruieren zu können.
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Nach wissensgeschichtlichen Entwicklungslinien des Kontextua-lisierens in der Volkskunde muss man nicht lange suchen. Zunächstrückt hier das Verhältnis von materieller Kultur und Alltagshandelnin den Blick. Zwar geht die Epistemologie der frühen Volkskundein einem Fokus auf materielle Kultur insofern nicht auf, als derenstarke germanistisch- sprachwissenschaftliche Verankerung auch zurAuseinandersetzung mit ganz anderen Gegenstandsbereichen hin-führte. Ebenso gilt das für die Forschungen zu anderen Feldern wie>> Volksglaube, Sitte und Brauch«<, 37 wo es weniger um materielle Ar-tefakte, sondern immer schon um den praktischen Vollzug des geleb-ten Alltags ging. Vielleicht aber gibt es dennoch gute Gründe dafür,eine» habituelle Mitgift«< 38 des Faches im lange eingeübten Umgang
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36 Zum Notwendigkeitsgeschmack vgl. Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede.Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt am Main 1982, S. 585–619.So eine der drei Kapitelüberschriften in Richard Beitl: Deutsche Volkskunde.Von Siedlung, Haus und Ackerflur, von Glaube und Volk, von Sage, Wort undLied des deutschen Volkes. Berlin 1933.
38 Kaspar Maase, Bernd Jürgen Warneken: Der Widerstand des Wirklichen unddie Spiele sozialer Willkür. Zum wissenschaftlichen Umgang mit den Unterwel-ten der Kultur. In: Dies.( wie Anm. 9), S. 7-24, hier S. 20.
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