Aufsatz in einer Zeitschrift 
Beziehungswissenschaft : ein Versuch zur volkskundlich-kulturwissenschaftlichen Epistemologie
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336 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

LXVI/ 115, 2012, Heft 3+ 4

aus einem unerwarteten Blickwinkel betrachtet«<. 27 Bourdieus Redevon den>> unbedeutenden Objekten« und dem» unerwarteten Blickwin-kel«< liest sich fast so, als hätte er die gute alte deutschsprachige Volks-kunde im Sinn gehabt, in der die Befremdung des eigenen Blicks aufdie Selbstverständlichkeiten des Alltags geradezu zum Handwerkszeuggehört. Um zu verstehen, wie Bourdieu die Konstruktion bzw. Rekon-struktion der» gesellschaftlich wichtigen Objekte«< in diesem Rahmendenkt, lohnt sich ein Blick in sein Buch» Praktische Vernunft«<, in demes zu Beginn heißt:» Meine ganze wissenschaftliche Arbeit lebt[...]von der Überzeugung, dass sich die innerste Logik der sozialen Weltnur erfassen lässt, wenn man ganz in die Besonderheit einer empiri-schen, in der Geschichte räumlich und zeitlich bestimmbaren Realitäteindringt, aber nur um sie als besonderen Fall des Möglichen zu kons-truieren, wie Gaston Bachelard das nannte, also als Einzelfall in einemendlichen Universum von möglichen Konfigurationen«. 28 Genau diese» Besonderheit einer empirischen Realität« ist- so könnte man sagen

das Spezialgebiet einer Volkskunde, die sich als» empirische Kultur-wissenschaft<< versteht. Sie verweist auf die zentrale epistemologischeFunktion des» kleinen Wirklichkeitsausschnitts« im Fach und damitauf die mikrologische Perspektive, der die meisten volkskundlichenArbeiten folgen.» Mikro«< bedeutet dabei zweierlei: Zum einen sindunsere Forschungsfelder historisch wie gegenwartsbezogen- meistklein und überschaubar, sowohl zeitlich wie räumlich eng begrenzt.29Zum anderen ist es die dadurch ermöglichte Nähe zum Forschungs-

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Pierre Bourdieu: Die Praxis der reflexiven Anthropologie. Einleitung zum Se-minar an der École des hautes études en sciences sociales, Paris, Oktober 1987.In: Ders., Loïc Wacquant: Reflexive Anthropologie. Frankfurt am Main 1996,S. 251-294, hier S. 254.

Pierre Bourdieu: Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handelns. Frankfurt amMain 1998, S. 13-14.

Mir ist klar, dass keineswegs alle FachvertreterInnen diese Charakterisierung tei-len. Aus der Leitperspektive von Globalisierung und Transnationalisierung, aberauch der Wissensanthropologie, der Science and Technology Studies sowie derAkteur- Netzwerk- Theorie werden die» überschaubaren Felder«< nachdrücklich inFrage gestellt. Dem wäre allerdings entgegenzuhalten, dass Ethnographie- auchwenn sie multiperspektivisch arbeitet- immer darauf angewiesen ist, räumlichabgegrenzte und methodisch kontrollierbare Forschungsfelder abzustecken. Ver-ändert ist lediglich deren Status als Organisationsprinzip von Praxis, Wissen undgesellschaftlicher Ordnung.