Literatur der Volkskunde
das leicht dazu verführt, allzu hoch zu greifen, wollen die Herausge-ber Anna Kwaschik und Mario Wimmer Einblicke in die Werkstatt,in»> Orte, Praktiken und Konzepte«( S. 15) des historischen Arbeitensgeben. Theoretisches und Praktisches sollen in diesen drei Kategorienzusammenfließen. Ergebnis dieses gemeinsamen Nachdenkens überForschen und Schreiben unterschiedlicher Generationen und Tradi-tionen der Geschichtswissenschaft ist eine Sammlung von 38 Stich-wörtern, von» Archivar«( Astrid M. Eckert) bis» Wahrheit«<( EnricoCastelli Gattinara).
Die Freiheiten des Konzepts wurden von den Einzelnen sehr un-terschiedlich genutzt. Für den historiographischen Diskurs zentraleBegriffe stehen neben Stichworten, die sowohl auf die individuellePraxis als auch auf Routinen der zeitgenössischen Wissenschaftskulturverweisen. Das macht den Reiz dieses Wörterbuchs aus, schafft aberauch Irritationen. So wird, um bei einem fragwürdigeren Beispiel zubeginnen, das Stichwort» Quelle«< von Anselm Haverkamp und Bar-bara Vinken in einer Art hermetischer Wissenschaftslyrik erledigt. Umnicht falsch verstanden zu werden: Es spricht sehr viel dafür, geradedieses Stichwort entgegen der Konventionen akademischer Begriff's-definition zu bearbeiten und grundsätzlich zu hinterfragen, doch wasist von Sätzen wie dem folgenden zu halten?» Die Qualquelle, ValérysMuse nach Derrida, ist der Name für den primären historischen Nar-zissmus, der in der literarischen Bearbeitung sich verkleidet findet undin der Verkleidung sein originäres Spiegelstadium verlässt.<<( S. 162)Ich hoffe immer noch, dass dieser wie andere Sätze des Kurztextesironisch gemeint sind. Positive Gegenbeispiele in der Art und Weisedes Umgangs mit Schlüsselbegriffen sind Philipp Sarasin mit dem Textzu>> Diskursanalyse« und Reinhard Sieder mit» Subjekt«<. Beide ent-wickeln in präzisen und feinsinnigen Darstellungen die Geschichteder Methode der Diskursanalyse bzw. der Idee des Subjekts unterEinbeziehung der Rolle der Wissenschaften in diesen Prozessen. An-dere Texte, die sich mit ähnlichen, die Semantik der zeitgenössischenGeschichtswissenschaften beherrschenden Stichwörtern beschäftigen- etwa mit» Biographie«( Christiane Coester),» Ereignis«<( Jean- LouisFabiani),» Raum«<( Mechtild Rössler)- oder Formate thematisierenwie» Essay<<( Anne Kwaschik) und» Museum«( Rudolf Kania)wirken eher unentschieden und bewegen sich zwischen allgemeinemÜberblick und spezifischem Ausschnitt, zwischen dem Anspruch, eintheoretisches Modell zu erläutern, und dem, die Praxis der Geschichts-
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