138 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXVI/ 115, 2012, Heft 1+ 2
Das österreichische Massenblatt Heute meldet am 5. Dezember2011( S. 15) unter der Rubrik Wien Heute einen Überfall auf ein Elek-trogeschäft im Bezirk Brigittenau. Der Täter verbarg sein Gesichthinter einer Vendetta- Maske. Rechnete er damit, mit einem allgemeinakzeptierten Symbol politischen Widerstands nicht mehr aufzufallen?
Der Kurier berichtet am 3. März 2012( S. 13) von Protesten gegenACTA, dem>> Internetgesetz«<. Das Bild zum Beitrag zeigt Menschen,die Transparente und Vendetta- Masken in die Höhe halten. Schonam 23. Februar 2012( S. 26) war im Der Standard zu lesen, dass Po-len als eines der ersten EU- Länder ACTA nicht ratifiziert hatte. DasBild zum Beitrag ist eine Aufnahme der polnischen Parlamentarier inden Sitzungsreihen. Alle im Bild sichtbaren Personen tragen eine ver-einfacht gezeichnete Version der Vendetta- Maske. Das Symbol vonAnonymous ist also bereits in die Parlamente vorgedrungen. DieseKarriere ist insofern erstaunlich, da offensichtlich niemand die Bedeu-tungsgeschichte der Maske hinterfragt. Denn im Film V wie Vendetta,der einen der wesentlichen Bausteine der symbolischen Aufladung desObjekts darstellt, führt der Weg zur Revolution über terroristischeAktivitäten. Man könnte also denken: Was auf der Straße und im In-ternet noch unscharf bleiben kann, sollte im Parlament hinterfragt wer-den. Fakt ist, die Maske ist nunmehr in jenem gesellschaftlichen bzw.politischen Milieu angekommen, gegen das sie sich eigentlich richtet.Auch in Österreich haben die Grünen im Zusammenhang mit ACTAdie Vendetta- Maske ins Parlament gebracht. Die Wochenzeitung DerFalter betitelt in der Ausgabe 6/2012( S.16) eine Glosse:» Guy Fawkessitzt im Bundesrat: Die Grünen kämpfen gegen ACTA«<. Und weiter:>> Bei Demos gehört sie schon zur Standardausstattung, nun hat sie auchim Bundesrat Einzug gehalten: die Guy- Fawkes- Maske<<.
Aus dem Blickwinkel der Medienwissenschaften beleuchtet aktu-ell u.a. Jana Herwig das Phänomen von» Anonymous«. Nach Herwigist diese Bewegung in den letzten Jahren zu einem Katalysator desMediendiskurses geworden und hat dabei Politik, Gesetzgebung undNetzkultur beeinflusst.
Nicht nur die» Konstitutionsszenarien von Protestbewegungen<<wie Herwig die gegenwärtigen Dynamiken in der Protestkultur be-schreibt werden durch den Social- Media- Bereich wesentlich verän-dert, das Alltägliche steht schlichtweg zur Disposition. Es geht hieru.a. um die Auflösung der Grenzen von Arbeit und Freizeit und dieTransformation der Privatsphäre hin zu einer Diskursplattform.