Aufsatz in einer Zeitschrift 
Gestalt und Heiligkeit der Groteske : Leopold Schmidt zum hundertsten Geburtstag
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12 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

LXVI/ 115, 2012, Heft 1+ 2

gewesen. Der zweite Turm durfte nicht vollendet werden.<< 23 Das istso geistvoll und tiefblickend wie der Kommentar über Grillparzer, dersich vor dem Besuch bei Goethe mit dem Rasiermesser in den Fingerschneidet, so daß er nichts mehr aufschreiben kann24( wir denken anFreuds Thesen von der unbewußten Absicht, vom Unfall als Veranstal-tung, von der uneingestandenen Absicht der Ungeschicklichkeit, vonder wohlmotivierten Absichtslosigkeit 25), oder über Goethe und seineHemmung, auf Schuberts Erlkönig- Vertonung zu reagieren²6 da sinddie unbewußten Prozesse, die sich in Abgründen und Quellbereichenabspielen, so klar erkannt wie in den Sätzen über Schuberts SchöneMüllerin( und insgeheim auch über die Poesie Wilhelm Müllers):» Der Wanderer, dessen Glück immer dort liegt, wo er nicht ist, derLeiermann hinterm Dorfe, dessen Teller immer leer bleibt, ist ebennicht nur Schubert, ja ist oft überhaupt nicht Schubert, sondern hinterihm erheben sich Jahrzehnte des Leides von ungezählten Tausenden.<< 27Das ist ein Einblick in die Komplexität kulturellen Erbens und kultu-rellen Neuschaffens, wie man ihn einem gerade dreißigjährigen Mannenicht zutrauen möchte ein Hinweis zudem auf soziales Empfinden,das auch anderswo sich Ausdruck sucht: die immer wieder neu statt-gehabte Immigration nach Wien sei» nicht zu begeifern«, man müssesie vielmehr»> begreifen« und sich» letztlich, dem Gewinn nach«, dafür>> bedanken<<. 28

Der Verzicht

Diese»> Briefe an Wien«, publiziert erst im Jahr 1947, über die nochso viel zu sagen wäre, sind aber nicht nur die Signale eines Aufbruchs inunbekannte Zonen der menschlichen Existenz: sie sind zugleich auchdas Dokument eines Abschieds, der sich im Rückschau- Datum des 31.Dezembers ankündigt- einer Wendung der Lebensbahn, die man viel-

23 Ebd., S. 21.

24 Vgl. ebd., S. 88.

25 Vgl. Sigmund Freud: Zur Psychopathologie des Alltagslebens. Über Vergessen, Ver-sprechen, Vergreifen, Aberglaube und Irrtum( 1901). Frankfurt am Main 2000.

26 Vgl. L. Schmidt: Geliebte Stadt( wie Anm. 21), S. 113.

27 Ebd., S. 114.

28

Ebd., S. 133.