Martin Scharfe, Gestalt und Heiligkeit der Groteske
mentieren, noch erscheinen könnten). Vielmehr hätten sie ihm gehol-fen, Krieg und Nazismus politisch, leiblich und geistig zu überstehen:>> Damals waren sie meine Waffe gegen die Unterdrücker Österreichs,und wurden auch als solche verstanden. Ich hatte eine neue Funktiongefunden«<- und ich, der Nachredner, der ich selbst noch mit Kinder-Hakenkreuzfahnen und Spiel- Stahlhelmen aufgewachsen bin, möchteihm abnehmen, was er sagt: eine neue Funktion gefunden,»>< vielleichtdie wichtigste, die ich jemals innehatte<<. 19
Aber das muß sich heutigen Leserinnen und Lesern nicht erschlie-Ben. Als direktes Zeitdokument taugt das Büchlein gewiß nicht, die Es-sais wirken wie aus den Bedrängnissen der Zeit herausgefallen, mitungläubigem Erstaunen liest man das Datum des Vorworts: 31. De-zember 1945. Und man versteht nicht, wie die> beschwingten< Texte intristen Wehrmachtsschreibstuben der Ukraine oder vor dem Kaukasusentstanden sein können( den Jüngeren muß ich nun doch das biogra-phische Detail nachliefern, daß Leopold Schmidt von 1939 bis 1945Schreiber einer Nachrichtenkompagnie der deutschen Wehrmachtwar). Erst im Curriculum und da erst auf Seite 100- läßt Schmidterkennen, in welcher Zeit er lebt und die Briefe an das geliebte Wienzu Ende bringt:»> Dezember 1945: Besatzung, Schwarzer Markt vor derHaustür, und was es da alles gab<< notiert er( und läßt er drucken),und:» Es berührte mich überhaupt nicht.<< 20
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Aber ich frage mich, warum er, der so viel Sinn für Symbolik hatte,das Vorwort auf den 31. Dezember 1945 datierte und nicht auf das Zu-kunftsdatum des 1. Januar 1946! Denn das Büchlein steckt doch nichtnur voller Wissen und satter Anschauung und Erkenntnisreichtum,sondern auch voller Lust und Kraft. Man lese nur die Kunst- Passagen
etwa über die>> Grazie«< des Windspielportals am FürstenbergschenPalais² oder über» das unvergleichlich köstliche Grün« auf DürersMaximilian- Porträt22 oder über die Vollkommenheit der unvollende-ten Türme des Stephansdomes:» Wenn eine Vollendung möglich war,dann zeigte sie der ausgebaute Turm zur Genüge. Mehr war nichtnotwendig, wäre erstarrte Regel, nicht künstlerische Notwendigkeit
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Ebd., S. 51.
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Ebd., S. 100.
21 Leopold Schmidt: Geliebte Stadt. Briefe an Wien. Mit acht farbigen Zeichnungenvon Oskar Laske. Wien 1947, S. 20.
22 Ebd., S. 57.
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