10 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXVI/ 115, 2012, Heft 1+ 2
Museums für Volkskunde) gleich mehrfach zitierte:>> Alles Getrenntefindet sich wieder.<< 14
Alles also, was uns hinterlassen ist, ist zusammenzusehen- alles,was man von ihm abgetrennt( oder auch: was er selbst von sich abge-trennt) hat: seine Gedichte, seine Theaterstücke, seine Novelle, seineFeuilletons. Und selbst da, wo Volkskundler nur Herrschaftsgeschichtelängst vergangener Epochen zu sehen glauben( wie in den Studien zurheiligen Radegundis oder zur Epoche der Romanik¹5), geht es letzt-lich um gesamtkulturelle Profile; wo wir vermeinen, ein Text gehe unsnichts an, weil Schmidt sich in die Kunstgeschichte verirrt habe( etwain der Flügelaltar- Studie), sagt er uns, er sehe die Altäre nicht nur alsKunstwerke, sondern vor allem als» Kultwerke« – also als» Zeugnisseder mittelalterlichen Glaubenswelt«.16 Ohnehin vertrat er den Stand-punkt:» daß nichts Großes, persönlich Wichtiges auf der Welt einereinzigen wissenschaftlichen Disziplin zur Anschauung vorbehalten sei,sondern jeder selbständigen Betrachtung offenstehen müsse«<. 17
Leopold Schmidt hat rückschauend gesagt, die Betrachtung der go-tischen Flügelaltäre sei ihm» das liebste und echteste« seiner Büchergewesen und geworden. 18 Dieses Urteil kann ihm nicht genommenwerden. Aber es muß dem Fernerstehenden doch erlaubt sein, die Ak-zente zu verschieben und, beispielsweise, in den> Briefen an Wien< einmindestens ebenso geistreiches, ein wenigstens ebenso schönes Buchzu sehen, gesättigt in Anschauung, die sich in funkelnde Urteile undblitzende Aperçus verdichtet.
Geliebte Stadt, Briefe an Wien
Auch dieses Büchlein hat Schmidt späterhin sozusagen geadelt: dieeinzelnen Zeitungsfeuilletons seien keineswegs bloß als» eine harm-los- beschwingte Heimatkunde« gedacht gewesen,» wie sie nachheraussehen mochten«( und wie sie auch uns heute, möchte man kom-
14 Ders. Das Österreichische Museum für Volkskunde. Werden und Wesen einesWiener Museums. Wien 1960, S. 51, 70.
15 Vgl. dazu Anm. 41.
16
Ders. Vor gotischen Flügelaltären( wie Anm. 9), S. 26, 29.
17
Ebd. S. 107( Nachwort).
18
L. Schmidt: Curriculum vitae( wie Anm. 13), S. 101.