Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde116 (2013) / N.S. 67Schmidt-Lauber, Brigitta; Sulzner, Raffaela; Wietschorke, Jens: Salongespräch zwischen den Generationen mit Hermann Bausinger

  
Aufsatz in einer Zeitschrift 
Salongespräch zwischen den Generationen mit Hermann Bausinger : ein Erfahrungsaustausch zur Fachgeschichte
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464 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

LXVII/ 116, 2013, Heft 3+ 4

Und ich hatte ein allgemeineres Seminar, aber auch mit kleinen Erhe-bungen, die Studierende gemacht haben. Und nun kamen die Studieren-den in eine italienische Familie, in der ein Mädchen, das damals glaubeich etwa 17 war, sich verliebt hatte in einen Deutschen, und die Elternwollten das nicht dulden. Und innerhalb des Seminars und im Anschlussan das Seminar vor allen Dingen entstanden nun lange Diskussio-nen, was kann man da machen? Und die Studierenden hatten die festeAbsicht, auf dieses Mädchen einzuwirken, die ohnehin davon sprach,sie haue jetzt ab, sie bleibe nicht mehr zuhause. Sie haben sich überlegt,man muss die unterstützen, die muss weg von zuhause. Und ich erin-nere mich noch, dass ich die Gegenposition vertreten habe und gesagthabe:» Ihr wisst ja überhaupt nicht, was das bedeutet. Was das für dasMädchen bedeutet, was das für die Eltern bedeutet. Die Dinge sind oftviel, viel komplizierter, als man sie zunächst sieht.<< Das ist ein kleinesund vielleicht auch problematisches Beispiel, aber es gilt ganz allgemein.Eine Zeitlang war die Meinung, wir haben die großen Wahrheiten. Alsowir untersuchen die Bild- Zeitung und zeigen den Leuten, wie da gelo-gen wird und so fort. Und später entstanden dann Arbeiten, die zeigten,dass die Bildzeitung auch nicht immer viel mehr lügt als andere, das nuraufdringlicher verkauft- und so weiter. Also es sind stärkere Differen-zierungen und damit auch Relativierungen eingetreten.

JENS WIETSCHORKE: Ich würde gerne einen Punkt aufgreifen,der vorhin schon zur Sprache gekommen ist, nämlich die Positionder Volkskunde oder Empirischen Kulturwissenschaft zwischenden Nachbarfächern. Wir haben über die Nähe zur Soziologie undGeschichte und die Herkunft vieler Fachvertreter aus der Germa-nistik gesprochen; mich würde Ihre Wahrnehmung interessieren imHinblick auf die in das Fach doch sehr stark eingeschriebene Interdis-ziplinarität. Hat man sich in diesem sehr kleinen Fach in den 1960erJahren wirklich als Fachvertreter der Volkskunde verstanden oder gabes eher ein Bewusstsein dafür, dass man in vielerlei Hinsicht zwischenden sozial- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen, zwischen derGeschichtswissenschaft, der Soziologie, der Germanistik und teilweiseauch der Ethnologie situiert ist? Dass das, was man in der konkretenwissenschaftlichen Arbeit macht, ein inter- oder sogar transdisziplinä-res Unternehmen ist? Und vielleicht im Anschluss daran: War das Pro-jekt» Empirische Kulturwissenschaft«< dann in den 1970er und 1980erJahren ein interdisziplinäres oder doch sehr stark ein volkskundliches?