Aufsatz in einer Zeitschrift 
Apotheose des Kleinbürgertums : die Versorgungsheimkirche in Lainz
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436 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

LXVII/ 116, 2013, Heft 3+ 4

hinaus lässt sich die gesamte Anlage und ikonographische Ausstattungder Versorgungsheimkirche im Sinne einer» Engführung« oder bes-ser: einer wechselseitigen Affirmation von Kirche und Politik lesen;der Bau bietet eine geradezu idealtypische Repräsentation des christ-lichsozialen Gesellschaftsbildes. Er demonstriert, wie kommunalpoliti-sche Akteure um Karl Lueger und ihre Hietzinger Anhängerschaft den>> Konsekrationseffekt« 14 sakraler Räume genutzt haben, um ihr bür-gerliches Vergemeinschaftungs- und Politikmodell absolut zu setzen.Dazu passt, dass der Populist Lueger oft vom christlichen Volk sprach» ein Ausdruck, den er in einem restriktiven, moralisch- politischenSinn gebrauchte, um seine Wählerschaft zu bezeichnen«. 15 Auf dieseWeise wird das Christentum radikal» lokalisiert« und einem konkretensozialen Milieu und seinen politischen Repräsentanten gutgeschriebenund so erhält auch die religiöse Praxis durch die Anlage und Ausstat-tung des Lainzer Gottesdienstraums einen so deutlichen lokalen undmilieuspezifischen Akzent, dass man hier Durkheims Satz umkehrenund erweitern muss:» Die Gesellschaft ist Gott«<, die Wiener Christ-lichsozialen praktizierten hier vermittelt über den Raum und dasdort platzierte Heiligenpersonal- ihre Selbstheiligung.

Das politisch- ikonographische Programm des Kirchenbaus beginntbei den neun Porträtbüsten, die an der Vorhalle angebracht sind: Siezeigen den Bürgermeister Karl Lueger, die beiden VizebürgermeisterJosef Strobach und Josef Neumayer, die beiden Stadtreferenten Rode-rich Krenn und Ludwig Zatzka, den Magistratsdirektor Richard Weis-kirchner, den Magistratsreferenten Jakob Dont, den BauvizedirektorRudolf Helmreich und den städtischen Architekten Johann Scheirin-ger.16 Die damalige Stadtregierung erhielt hier also schon an der Kir-chenfassade einen prominenten Platzund damit nicht genug. DerGlockenstuhl trägt sechs auf den cis- moll- Akkord gestimmte Glocken;auf jeder dieser Glocken befindet sich das Bild eines Heiligen, das Wap-pen der Stadt Wien und das Bild eines Gemeindefunktionärs( Lueger,

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14 Zum Begriff des» Konsekrationseffekts«< vgl. Pierre Bourdieu: Genese undStruktur des religiösen Feldes. In: Ders.: Religion. Schriften zur Kultursoziolo-gie 5. Hg. von Franz Schultheis, Stephan Egger. Berlin 2011, S. 54.

15 Boyer( wie Anm. 7), S. 192.

16 Vgl. Jakob Dont: Das Wiener Versorgungsheim. Eine Gedenkschrift zur Eröff-nung. Wien 1904, S. 34.