432
Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXVII/ 116, 2013, Heft 3+ 4
Perspektive auf katholische Kirchenräume angedeutet werden.²
Einen grundlegenden Befund zum Verhältnis von Religion undGesellschaft hat bereits der Klassiker der Religionssoziologie EmileDurkheim festgehalten: Demnach strukturiert nicht nur Religion dasSoziale, sondern das Soziale ist auch religiös strukturiert bis hin zu
dem berühmten Durkheimschen Satz» Gott ist Gesellschaft<<. 3 Aufdiese Weise verknüpft Religion für Durkheim» gewissermaßen direktdie Makroebene der Gesellschaft mit der Mikroebene des Einzelnen.[...] Religion wird gleichbedeutend mit kollektiver Identität«<. 4 In dieserPerspektive ist Religion so die Soziologin Monika Wohlrab- Sahr
im Anschluss an Durkheim-» nicht mehr zu unterscheiden von ande-ren Formen des Gewahrwerdens, Erinnerns und Zelebrierens vonGesellschaftlichkeit«<. 5 Im Folgenden möchte ich den Kirchenraum derLainzer Versorgungsheimkirche als einen Ort untersuchen, an demein spezifisches Bild von Gesellschaft und sozialer Ordnung installiertund zelebriert wurde, an dem sich also die Befunde Durkheims zurgesellschaftlichen Funktion und Semantik von Religion exemplarischverdichtet wiederfinden lassen. Politische und gesellschaftliche Bezügedieses Kirchenraums liegen hier schon deshalb nahe, weil die Kircheals Bestandteil des Versorgungsheim- Komplexes entstanden isteiner kommunalen Einrichtung, die eines der Vorzeigeunternehmen
2
3
Der vorliegende Text ist aus einem Vortrag hervorgegangen, den ich gemeinsammit Herbert Nikitsch unter dem Titel» Katholisches Wien«< am 20. Juni 2013 amInstitut für Europäische Ethnologie der Universität Wien gehalten habe. Einigetheoretische Grundlagen zu meinem Ansatz habe ich zusammengestellt in: JensWietschorke: Die symbolische Ordnung sakraler Räume. Eine Skizze zur visu-ellen und politischen Kulturgeschichte. In: Deborah Klimburg- Salter, MarionMeyer( Hg.): Visualisierungen von Kult in historisch- kulturwissenschaftlicherPerspektive. Wien 2014( im Erscheinen). Eine größere Studie zum Thema ist inVorbereitung.
So der Titel einer Vorlesung Durkheims an der École des Hautes Études, vgl.die Notiz bei Monika Wohlrab- Sahr: Religion und Religionslosigkeit: Was siehtman durch die soziologische Brille? In: Marianne Heimbach- Steins( Hg.): Reli-gion als gesellschaftliches Phänomen. Soziologische, theologische und literatur-wissenschaftliche Annäherungen. Münster 2002, S. 11-25, hier 15( Anm. 8).Ebd., S. 15.
4
5
Ebd.