Chronik der Volkskunde
Liebe Margot Schindler, lieber Konrad Köstlin, liebe Birgit Johler,lieber Christian Goldstern, verehrte Anwesende!
Ich gestehe, dass ich mit diesem Abend in Wien eine Hoffnung ver-binde. Und dass ich sehr dankbar bin, dass wir zu diesem Anlass heutezusammenkommen dürfen.
Im September 1926 besucht Eugenie Schwarzwald das WienerVolkskundemuseum.» So, jetzt bin ich wieder ein Fremder und unter-nehme eine Reise nach Wien«, schreibt sie, so als hätte sie die Entwick-lung einer kritischen und selbstreflexiven cultural anthropology schongeahnt, die das Fremde zu allererst in uns selber sucht. Und sie schreibtfür die Neue Freie Presse einen Bericht über eine Reise ins Positive.
» Ich zögere vor dem Tor. Ich kenne schon so viele Museen fürVolkskunde. Das reiche in Zürich ebenso genau wie das imposante derStadt Stockholm. Auch habe ich die sieben Gegenstände aus Frankengesehen, die der Küster in Dinkelsbühl zeigt, und die sechzehn Stückaus der Ukraine, die ein alter Jude in Kolomea in seiner Stube auf-gestellt hat. Also noch ein Museum für Volkskunde! Aber kaum trittman durchs Tor, so fühlt man schon: das ist lieb.<< ¹
Eugenie Schwarzwald, die von ihrer Wohnung in der JosefstädterStraße 68 hierher ja nur ums Eck gehen musste, sie lernt den Direktorkennen, und den ehemaligen Direktor, Vater und Sohn Haberlandt,ihre glühende Leidenschaft für die Alltagsdinge. Und ihre Geldsorgen.» Auf der edlen Stirn des abgebauten Museumsschöpfers liegen Sor-genfalten, um den fanatischen Mund lagert ein nervöser Zug.« Euge-nie Schwarzwald wagt eine kulturpolitische These:
» Ich weiß es, wir werden dem Museum für Volkskunde keinenSammlungsfonds, keinen Reisefonds stiften. Denn da alle Sachen, diebei uns schlecht gemacht werden(...) viel Kosten müssen, damit wirkeine Schande davontragen, so bleibt uns eben nichts anderes übrig, alsan denen zu sparen, die der reinste Ausdruck des Guten im österrei-chischen Volkscharakter sind und geeignet, um unseren Ruhm in allerWelt zu verbreiten.<< ²
1 Eugenie Schwarzwald: Das Museum für Volkskunde. In: Neue Freie Presse,26.9.1926, S. 11.
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Ebd., S. 12.
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