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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXVII/ 116, 2013, Heft 1+ 2
Gedenktafel zur Erinnerung an die jüdischen Freundinnenund Freunde, Gönnerinnen und Gönner des Museums unddes Vereins für Volkskunde
Ansprachen anlässlich der Enthüllung am 1. März 2013,Österreichisches Museum für Volkskunde
Sehr geehrte Damen und Herren,
werte Anwesende, sehr geehrte Ehrengäste!
Wir haben uns heute hier versammelt, um einen Akt der Erinnerungund des Gedenkens zu setzen, und ich danke allen, die dafür teilweisevon weit hergekommen sind. Ein derartiger Akt sagt etwas über dieGeschichte dieses Hauses, über die Institution, die dieses Gebäude seit1917 beherbergt, aber auch über uns, die wir dieses Gedenken setzenund für all jene, die in Zukunft bereit sein werden, die Zeilen auf die-ser Erinnerungstafel zu lesen und über das Gelesene nachzudenken.
Das Österreichische Museum für Volkskunde verdankt jüdischenMitbürgerinnen und Mitbürgern wichtige Teile seiner Sammlungenund neue Perspektiven in der Erforschung der Volkskulturen Europas.Viele von ihnen haben Verein und Museum durch großzügige Zuwen-dungen vor und nach dem Ersten Weltkrieg unterstützt.
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Ethnographisches Sammeln und Forschen im Wien der Jahrhun-dertwende war zunächst eine private Angelegenheit engagierter Wis-senschaftler und Laien. Keine offiziellen und dementsprechendmateriell unterstützten dynastischen Interessen, keine adelige, pe-kuniär abgesicherte Volkskunstsammelbegeisterung, kein staatlicherAuftrag stand hinter der Gründung des Österreichischen Museums fürVolkskunde, sondern das Bestreben der Museumsgründer, ein Mu-seum für>> die sicht- und greifbaren Dinge des Volkslebens«< zu schaffen.
Mit diesem Ziel identifizierte sich ein sozial wie ideologisch breitgestreuter Interessentenkreis der damaligen Bevölkerung, unter denensich auch viele Protagonisten jüdischer Herkunft befanden. Sie warenverstreut über die Monarchie von Bregenz über Wien und Brünn bisLemberg, vom Universitätsprofessor bis zum Fabrikbesitzer, vom An-tiquitätenhändler, Juwelier und Lehrer bis zum Privatangestellten.
Dass Jüdinnen und Juden bereits im ersten Mitgliederverzeichnisdes Museumsvereins aus dem Jahr 1895 zahlreich vorkommen, ist nichtverwunderlich, denn sie waren zu dieser Zeit integraler Teil der Bevöl-