Jahrgang 
116 (2013) / N.S. 67
Einzelbild herunterladen
 
  

256 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

LXVII/ 116, 2013, Heft 1+ 2

scher wie als Reichratsabgeordneter antisemitisch und deutschnationalagierte. 10 Selbstverständlich sollen Pauschalverurteilungen vermiedenund die Witwe sowie ihr Vater, der sich nach dem Krieg von der Ideedes Großdeutschen Reiches distanzierte, nicht über ihren Vorfahrenbeurteilt werden. Die Tatsache bleibt, dass das Sticktuch mit Haken-kreuzen geziert wurde und auch nach 1945 noch auf dem Hausaltar lag,der dem verstorbenen Ehemann gewidmet war.11

Mehrere Gründe könnten dafür ausschlaggebend gewesen sein,dass dieses Stück nicht wie so viele andere» belastete<< 12 nach Ende desZweiten Weltkriegs entsorgt wurde. Es mag damit zusammen hängen,dass mit der Zerstörung dieser Dinge auch die Erinnerung getilgt wer-den sollte, die Erinnerung an die( Mit-) Täterschaft und Schuld, die derStrategie der Verdrängung im Wege standen, die nach dem ZweitenWeltkrieg in Deutschland 13 und( auch von offizieller Seite) in Öster-reich vorherrschte- und zu einem nicht geringen Teil immer nochvorherrscht. Frau Sch. wollte sich nicht von der Decke verknüpftenErinnerung gemeint ist jetzt die Erinnerung an ihren Mann- lösen.Vielleicht hat sie die gestickten Symbole des NS- Regimes ausgeblen-det, also aus ihrer Wahrnehmung verdrängt? Die Möglichkeit, dass siesich nicht vom Nationalsozialismus distanziert hat, soll hier ebenfalls inBetracht gezogenwerden. Schließlich existiert dieser» unbelehrbare[ n]Kern der» Ehemaligen« 15, der nach wie vor der NS- Ideologie anhängtund» frei von jedem Unrechtsbewusstsein«< 16 ist.

10

Österreichisches Biographisches Lexikon 1815-1950, Bd. 8( Lfg. 37, 1980), S. 190-191; http://www.volksliedwerk.at/default.asp?id=1&id2=3&d=1( 10.4.2013).11 Diese Informationen stammen von der Überbringerin des Objekts, der an dieserStelle für die Schenkung gedankt sei.

12

13

Ruth- E. Mohrmann: Dingliche Erinnerungskultur im privaten Bereich. In: Bri-gitte Bönisch- Brednich, Rolf W. Brednich, Helge Gerndt( Hg.): Erinnern undVergessen. Vorträge des 27. Deutschen Volkskundekongresses. Göttingen 1989(= Beiträge zur Volkskunde in Niedersachsen, 5; Schriftenreihe der Volkskundli-chen Kommission für Niedersachsen e. V., 6). Göttingen 1991, S. 209-217, S. 215.Aleida Assmann: Persönliche Erinnerung und kollektives Gedächtnis in Deutsch-land nach 1945. In: Hans Erler( Hg.): Erinnern und Verstehen. Der Völkermordan den Juden im politischen Gedächtnis der Deutschen. Frankfurt a.M., NewYork 2003, S. 126-138, S. 128.

14 Margit Reiter: Die Generation danach. Der Nationalsozialismus im Familienge-dächtnis. Innsbruck, Wien, Bozen 2006, S. 21.

15

16

Ebd., S. 53. Das Gegengedächtnis der» Ehemaligen«< beschreibt Reiter auf S. 53-57.Ebd., S. 53.