Untiefen des Kulturellen:ethnografisch- fotografischeReproduktionen von Oberflächenin der Stadtforschung
Alexa Färber
Die Europäische Ethnologie als eine Disziplin der Oberfläche zu be-greifen, ist eine Provokation. Denn seit ihrer interpretativen Wendeversteht sie sich zu großen Teilen als eine kulturanalytische Disziplin,der es um das Freilegen von vielschichtigen Bedeutungsebenen undSymbolordnungen geht, die zwar direkt erfahrbar und verkörpert sind,die sich aber gerade nicht auf den ersten Blick an einer Oberfläche zuerkennen geben. Um mit Clifford Geertz, dem Mentor für die Tie-fenkompetenz der Ethnowissenschaften, zu sprechen: Bedeutungs-systeme organisieren das Leben von Individuen und genau deshalbverstehen KulturanthropologInnen» social relationships as embodyingand embodied in symbolic forms that give them structure, and we areconcerned to identify such forms and trace their impact«.'
Auch wenn hier das Wort> Interpretation< nicht gefallen ist², so kannGeertz dennoch als Referenz für die zentrale epistemische Praxis derEuropäischen Ethnologie gelten, die uns angehalten hat und anhält, dieBedeutungen, in denen sich Wirklichkeit artikuliert, zu untersuchen.Und bildlich gesprochen: Die Bedeutungen und Strukturen zu untersu-chen, die> unter der Oberfläche< der beobachtbaren Phänomene liegen.
Dass es sich dabei auch um › Untiefen<, d.h. wenig abschätzbare unddeshalb gefährliche Terrains handelt, darüber lässt der Alltagsverstand
1 Clifford Geertz u.a.: Meaning and Order in Moroccan Society: Three Essays inCultural Analysis. Cambridge 1979, S. 6.
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Es handelt sich hier um ein Zitat aus der Sammelstudie zu Sefrou, einer Stadt inMarokko, die einen Stadt- Fotoessay von Paul Hymann enthält. In die nachfol-gende Diskussion über das Verhältnis von Fotografie und Stadtforschung kanndieser Essay aus Platzgründen leider nicht einbezogen werden.