Aufsatz in einer Zeitschrift 
Bodenloses Spurenlesen : Probleme der kulturanthropologischen Empirie unter den Bedingungen der Emergenztheorie
Seite
49
Einzelbild herunterladen
 

Bodenloses Spurenlesen.Probleme der kulturan-thropologischen Empirieunter den Bedingungender Emergenztheorie

Elisabeth Timm

Die Tiefe hat( nicht nur) in der Kulturanalyse wissenschaftlich aus-gedient: als Methode, als Modus der Artikulation und Repräsentati-on von Daten, als Interpretament, als Erkenntnisziel. Im Unterschiedzum tiefenhermeneutischen Indizienparadigma, das Carlo Ginzburgwissenschaftsgeschichtlich rekonstruiert und benannt hat, führt undschaltet das Oberflächenparadigma in die Horizontale. Das Indizien-paradigma, so Ginzburg, hatte sich im 19. Jahrhundert herausgebildet.Daten wurden damit als Spuren konzipiert und als Artikulationeneben: Indizien verborgener Prozesse und Kräfte interpretiert. Dabeikann es sich um unterschiedliche Kräfte handeln: ökonomische Inter-essen in der kapitalistischen Vergesellschaftung, Triebe im Subjekt,das Zusammenspiel von Habitus und Feld in der Kultur, biologischeProzesse im Körper, überlieferte Sprachspiele etc. Seit der zweitenHälfte des 20. Jahrhunderts ist das Indizienparadigma mit Methoden,analytischen Perspektiven und theoretischen Konzepten konfrontiert, ²die solche in die und mit Tiefe argumentierenden Fragestellungen undSchlussfolgerungen ablehnen und eine Vorgehens- und Argumentati-onsweise an der Oberfläche explizit fordern. Sie entstanden im Umfelddes französischen Strukturalismus, der Wissenschaftsgeschichte und

1 Dieser Text ist eine überarbeitete Fassung meines Vortrages» Bodenloses Spu-renlesen. Überlegungen zur Metapher der Tiefe in der qualitativen Methodik derKulturanthropologie«, dgy- Hochschultagung am Institut für Geschichtswissen-schaften und Europäische Ethnologie, Universität Innsbruck, September 2012.Historisch viel weiter zurückreichende Bezüge sind beschrieben, hier aber nichtweiter relevant.

2