Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde116 (2013) / N.S. 67Wietschorke, Jens: Die kulturelle Oberfläche und die Tiefen des Sozialen?

  
Aufsatz in einer Zeitschrift 
Die kulturelle Oberfläche und die Tiefen des Sozialen? : ein Sondierungsversuch
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Die kulturelle Oberflächeund die Tiefen des Sozialen?Ein Sondierungsversuch

Jens Wietschorke

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Mit der» Oberfläche als Gegenstand und Perspektive der Europäi-schen Ethnologie<< steht anlässlich der Innsbrucker Hochschultagung2012 ein Thema auf der Tagesordnung, das denkbar weit zugeschnit-ten ist und verschiedene Auslegungen ermöglicht. Inwiefernso dieVersuchsanordnung des Ausschreibungstextes- lässt sich Kultur alsein>> Oberflächenphänomen« verstehen? Inwiefern ist die EuropäischeEthnologie eine Kulturwissenschaft, die in ihrem empirisch- ethnogra-fischen Zugang auf die Oberfläche der Dinge beschränkt bleibt? Denn>> unter die Oberfläche reichen die volkskundlich- ethnologischen Zu-gänge zunächst nicht, die Oberfläche ist damit die Grenze unserer me-thodischen Zugriffe«. Wie lässt sich von hier aus»> in die Tiefe gehen«<,auf>> Inneres<< schließen und zum» gewissermaßen Verborgenen<< kom-men? Zugegeben: Bei der ersten Lektüre dieser Sätze war ich etwasirritiert und habe mich stellenweise an das erinnert gefühlt, was Hel-mut Lethen einmal als das» Tiefdenken des 19. und 20. Jahrhunderts<<bezeichnet hat nämlich die Suche nach dem Elementaren und Zu-grundeliegenden, die psychologischen Tiefenbohrungen und die Un-terscheidungen zwischen oberflächlichem Schein und wirklichem Sein,wie sie schon den Deutungstraditionen von Pietismus und Romantikzugrunde liegen.² Bei der zweiten Lektüre dann hat mich das Themaals Einstieg in zentrale kulturtheoretische Fragen interessiert: Was ist

1 Äußerungen. Die Oberfläche als Gegenstand und Perspektive der EuropäischenEthnologie( Call for Papers). In: dgv- Informationen Folge 120, 2011, H. 4,S. 23-24, hier S. 24.

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Helmut Lethen: Fern vom Untergrund. In: Zeitschrift für Ideengeschichte 1,2007, S. 45-56, hier S. 5 und die anregenden kulturgeschichtlichen Überlegungenvon Heinz Schlaffer: Die kurze Geschichte der deutschen Literatur. München2003, v.a. S. 86-92.