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ÖZV LIV/ 103
sucht das Problem der Rückkehr und die individuellen Strategien der Mi-granten als ,, soziales Drama“( V. Turner). Dabei fällt der Autorin insbeson-dere ein symbolisches Defizit der Rückkehr auf, ein Mangel an Übergangs-ritualen. Migranten finden bisweilen individuelle Formen, diese Leere zufüllen, doch gerade das Defizit selbst besitzt symbolische Bedeutung. Bar-bara Wolbert erklärt die Reintegration als eine ,, Kunst des Unsichtbarma-chens", die Rückkehrverarbeitung als eine„, Kunst des Begrenzens undVerschließens". In dieser vorbildlichen Studie sind Theoriebewusstsein,Sachkenntnis und methodologische Virtuosität vereinigt mit künstlerischemGestaltungswillen in der Darstellung.( BF)
Ausführliche Rezension siehe: Beatrice Ploch in Kuckuck, Notizen zuAlltagskultur und Volkskunde, 2/1995, Jg. 10. Rituale, S. 52-54.
BAIER, Lothar: Keine Zeit. 18 Versuche über die Beschleunigung. Mün-chen, Verlag Antje Kunstmann, 2000, 223 Seiten.
Ausgangspunkt der ,, Antwortvorschläge“ von Lothar Baier sind zwei, ingegenwärtigen Diskursen scheinbar unverzichtbare Argumentationsmuster,nämlich die Klage von der Beschleunigung und die Rede von der Komple-xität spätmoderner Lebenswelten. In einem Kapitel ,, Nervenzeiten" etwaskizziert er die„ Kulturgeschichte der Hetze“ entlang der Thesen WalterBenjamins und Joachim Radkaus. Auch auf die Krisenrede um den Millen-nium Bug kommt Baier zu sprechen. Alle diese, mehr oder weniger öffent-lich geführten Debatten diskutiert der Autor als ,, Chronopolitiken", alsKontrollmechanismen über die Zeit.
Baier beschäftigt sich mit Lese- und Schreibzeit in einer, so seine These:,, Zeitklassengesellschaft unter Kommunikationszwang“( S. 99), mit den,für jeden Einzelnen zunehmenden Notwendigkeiten, mit mehreren Zeitmo-dellen gleichzeitig zu leben und schließlich auch mit dem, was er alsindividuell wie kollektiv zu beobachtende ,, Anschlussangst"( in Hinblickauf Computernutzung, aber auch moderne Zeitbudgets) und als wichtigesMuster der Vergesellschaftung ansieht.
Hinter den hier versammelten Beobachtungen und Analysen zur Wechsel-wirkung zwischen Zeit und Medien steht die grundsätzliche Frage danach, ob,, der Lauf der Dinge aber überhaupt die unaufhaltsame lineare Beschleuni-gung"( S. 9) ist, ob es nicht vor allem die Oberfläche ist, die sich ändert. DerComputer, der pausenlose Umbau der Benutzeroberflächen bei gleichzeitigrelativ konservativer Hardware- Architektur, ist in den Augen Baiers ,, eineSchlüsselmetapher unserer gegenwärtigen Zivilisation“( S. 31).( KL)