2000, Heft 4
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lung zu Küche und Speisezimmer( Valerie Mars), den Ausstattungsvariantenund Nutzungsformen von Küchen vom achtzehnten Jahrhundert bis zurGegenwart( Elisabeth Leicht- Eckardt), dem strukturellen Übergang von derfeudalen zur bürgerlichen Küche( Rolf Schwendter) sowie mit Küchen inder Literatur( Elke Krasny). In der Einleitung der Herausgeber/ innen werdeneinführende Überlegungen zur Küche als einem architektonischen, sozialenund imaginativen Raum angestellt.
Ziel des Bandes ist nicht ein lückenloser Abriß der Geschichte der Küche,sondern die exemplarische Darstellung und Analyse historischer Verände-rungender Küche aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Den Ausgangspunktder Überlegungen bilden die gegenwärtigen Veränderungen des Alltagsle-bens. Die Küche wird dabei als ein Beispiel par excellence dafür gesehen, wieökonomische, ethische, politische und ästhetische Facetten in der Praxis derGestaltung der Alltagswelt ineinander verwoben sind. Die Küche gilt denHerausgeber/ inne/ n als Nukleus zeitlich und örtlich differierender Lebenskul-turen. An ihr könne exemplarisch die Interdependenz materieller, sozialer undsymbolischer Strukturen in ihrer wechselvollen Geschichte verdeutlicht wer-den. Die theoretischen Zugänge orientieren sich an den material culturalstudies, die der wechselseitigen Durchdringung materieller, sozialer und sym-bolischer Strukturen Rechnung tragen. Küchen werden dabei als Teil komplexerSysteme von Beziehungen und Bedeutungen gesehen, als Momente sozio-kultureller Konstruktion von Realität und deren Bewertung.( SB)
WOLBERT, Barbara: Der getötete Paß. Rückkehr in die Türkei. Eineethnologische Migrationsstudie(= Zeithorizonte, Studien zu Theorien undPerspektiven Europäischer Ethnologie, Bd. 3). Berlin, Akademie Verlag,1995, 192 Seiten, 1 Abb.
Die eindrucksvolle Metapher vom ,, getöteten Paß“ entstammt der Alltags-kommunikation türkischer Arbeitsmigranten in Deutschland. Als besonde-ren Anreiz zur Remigration erhielten Türken Anfang der Achtziger Jahre dievon ihnen eingezahlten Pensionsversicherungsbeiträge rückerstattet, gleich-zeitig wurde jedoch die Aufenthaltsgenehmigung im Paß für ungültig er-klärt. Rückblickend wird dieser freiwillige Verzicht auf Rechte in derBundesrepublik als das ,, Töten“ des Reisedokuments erlebt. Der türkischePaẞ ohne deutschen Sichtvermerk erscheint tot. Der bürokratische Aktmacht die Rückkehr aus der Arbeitsmigration unwiderruflich. Der Zwangzu eindeutiger Zuordnung rückt damit verstärkt ins Bewusstsein der Rück-kehrer, die sich mit ihrer bisherigen Lebensweise an transnationale Zugehö-rigkeiten gewöhnt haben. Der Erfolg ihrer gesamten Arbeitsmigration hängtvom Gelingen ihrer Reintegration in der Türkei ab. Barbara Wolbert unter-