Jahrgang 
103 (2000) / N.S. 54
Seite
575
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2000, Heft 4

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prägt ist: Die Lektüre lohnt gerade wegen der Beispiele aus den Gedankenzu den Geistes- und Sozialwissenschaften( die mit obigen Zitaten lediglichangedeutet werden konnten) allemal und sie stimmt( auch wegen des,, eleganten Unsinns, der einem zuweilen im eigenen Fach begegnet) zu-mindest nachdenklich.( EB)

CAPP, Kristin: Die Hutterer. Zeitreisende aus dem 16. Jahrhundert. MitTexten von Kristin Capp, Sieglinde Geisel und Rod Slemmons. Zürich, NewYork, Edition Stemmle, 1998, 143 Seiten, SW- Abb.

Die zu den Wiedertäufern zählende Religionsgemeinschaft der Hutterer( dieauf den radikalen Flügel der Zürcher Reformation zurückgehen und inEuropa eine lange Geschichte der Verfolgung erlebten) übt auf viele einestarke Faszination aus, da ihre heute in den USA und in Kanada in ,, closedcommunities" in Gütergemeinschaft und streng nach biblischem Gebotlebenden Angehörigen einerseits in einem enormen Ausmaß religiöse undkulturelle Traditionen bewahren und andererseits moderne Arbeitstechnolo-gien als selbstverständlichen Bestandteil ihres Lebens ansehen. Obwohl dieHutterer nicht gerne fotografiert werden( ,, Du sollst Dir kein Bildnis ma-chen"), gelang es der amerikanischen Fotografin Kristin Capp, das Alltags-leben einer Hutterer- Kolonie in Lamona/ Washington in einfühlsamen Bil-dern festzuhalten. Capp ging es dabei nicht nur um eine ,, sachliche Doku-mentation, sondern auch um das Einfangen einer ganz eigenen Atmosphäre,die sich ihr als ein fremdes Land, in dem sich eine jahrhundertealte Ge-schichte erhalten hat, präsentierte. Als Frau fand sie dabei vor allem zu denweiblichen Mitgliedern der Hutterer- Kolonie Zugang und so vermitteln ihreBilder besonders den weiblichen Hutterer- Alltag. Der Fotohistoriker RodSlemmons kommentiert und interpretiert in seinem Essay Capps Fotografiensowie den Umgang der Hutterer mit dem Fotografiertwerden. Die Journali-stin Sieglinde Geisel steuert in zwei Beiträgen einen Abriß der Geschichteder Hutterer sowie Überlegungen zu Gemeinschaft, Spiritualität und Diszi-plin der Hutterer bei. Der Band zeichnet sich sowohl in den Texten als auchin den Bildern dadurch aus, dass die Welt der Hutterer nicht lediglich als einexotisch anmutendes Relikt in der modernen Welt präsentiert wird, sonderndass ein differenzierter Blick auf das spezifische Verhältnis von Traditiona-lität und Modernität, auf den Umgang mit Altem und Neuem geworfen wird,wie dies im Alltagsleben einer Hutterer- Kolonie sichtbar wird.( SB)