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Literatur der Volkskunde
ÖZV LIV/ 103
breiten Raum ein. Gebete im Famililienkreis, christlicher Gemeindekult mitder Eucharistiefeier als Höhepunkt, traditionelle Feste, Prozessionen, Wall-fahrten und magische Vorstellungen zählen dazu.
Heilige Worte und Texte finden sich in den Beiträgen ,, Abdallah undGodelive"( zum Status von Frauen und Männern im Spiegel ,, heiligerNamen“) sowie über europäische Frühformen der Massenkommunikation:Das Zusammenwirken von Predigt, Holzschnitt und Buchdruck eröffnetevor Jahrhunderten einen europäischen Sonderweg der Gesellschaftsent-wicklung.
Einige der in diesem interessanten und vielseitigen Sammelband zusam-mengestellten Aufsätze sind von Kontakten zur bulgarischen Wissenschaftinspiriert. 1998 beschäftigte sich ein Meeting mit dem- auf westlichenTagungen bisher nicht behandelten- Thema ,, Gabe und Schatz“. Dabei gilt:Zum Schatz gehört, was einem Menschen heilig ist. In Vitrinen, in denenalte Menschen ihre persönlichen Schätze hüten und zugleich zur Schaustellen, finden sich Rosenkränze neben Gebetbüchern, Souvenirs aus Wall-fahrtsorten neben profanen Gegenständen, die durch die persönliche Erin-nerung geheiligt werden.
Der persönliche Zugang zeichnet auch den Sammelband aus, wenn Mi-chael Mitterauer am Ende des Vorwortes schreibt: ,, Der radikale Wandel vonReligion, Religiosität und Kirchlichkeit, der sich in den letzten Jahrzehntenabgespielt hat, kann an einem Forscher jenseits der sechzig nicht spurlosKontinuitätvorbeigegangen sein. Trotzdem empfinde ich Kontinuitätzumindest in dem Bedürfnis, auf lebensgeschichtliche Grundlagen aufbau-end, die für mich existentiell sind, immer wieder nach neuen Orientierungenzu suchen. Die Geschichte hat mir dabei viel geholfen."
جعد
Helga Maria Wolf
OBRECHT, Andreas J.: Die Klienten der Geistheiler. Vom anderen Um-gang mit Krankheit, Krise, Schmerz und Tod. Mit Beiträgen von Ute Moos,Alex Belschan und Walter Schwartz. Wien- Köln- Weimar, Böhlau- Verlag,2000, 268 Seiten.
Vor einem Jahr hat der Grazer Ethnologe und Soziologe Andreas J. Obrechtein bemerkenswertes Werk über die Renaissance magischer Weltbilderherausgegeben- und damit erstmals den Schleier der Geheimnisse um dieWelt der Geistheiler gelüftet. Grundlage des ebenso seriösen wie durch seineverdichtete Schreibweise angenehm lesbaren Buches war ein 1998 abge-schlossenes Forschungsprojekt über die Geistheiler und ihre Klientel. Ihr