2000, Heft 4
Literatur der Volkskunde
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MITTERAUER, Michael: Dimensionen des Heiligen. Wien- Köln- Wei-mar, Böhlau- Verlag, 2000, 325 Seiten.
Der Sammelband ,, Dimensionen des Heiligen" vereint elf im vergangenenJahrzehnt veröffentlichte Abhandlungen. Der Ordinarius des Instituts fürWirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien nähert sich seinemThema aus verschiedenen Perspektiven: auf der persönlichen Ebene desAutors, den eine Fragestellung bewegt, die er immer wieder aufgreift; aufder Ebene der Wissenschaftsentwicklung, in der ein Thema unter wechseln-den Aspekten neue Bedeutung gewinnt und auf der Ebene gesellschaftlicherEntwicklungsprozesse, die die Wissenschaft immer von neuem herausfor-dern. ,, Meiner Überzeugung nach gehören diese drei Ebenen zusammen“,schreibt Michael Mitterauer, er möchte ,, versuchen, solche Verbindungsli-nien der hier wieder veröffentlichten Aufsätze herzustellen."
Der Autor versteht diese weder als Studien zur Volksfrömmigkeit nochals kirchengeschichtliche Studien. Es geht ihm stets um Heiliges im gesell-schaftlichen Kontext. Im Vorwort blickt er auf seine Arbeiten seit den 60erJahren zurück: ,, In den Anfängen einer sozialwissenschaftlichen Neuorien-tierung der Geschichtswissenschaft war der Rekurs auf religiöse Bedingun-gen sozialer Phänomene wenig populär." Trotzdem verfolgte er seine Theo-rie der ,, Beharrungskraft des Sakralen in einer sich wandelnden Umwelt"zielstrebig weiter. Demnach werden ehemalig heilige als bedeutsame Plät-ze etwa für Märkte beibehalten. Nicht nur Ortschaften haben ihre Sak-raltopographie, auch Häuser. Beispiele dafür sind Gebetsorte wie das ,, hei-lige Eck"( der mit geweihten Gegenständen ausgestattete Herrgottswinkel)oder die populären Schutzengelbilder.
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So wie die ,, heiligen Orte" haben die ,, heiligen Zeiten" den Sozialhisto-riker in seiner wissenschaftlichen Arbeit lange begleitet. Hier finden sichdie Abhandlungen wie„ Die Macht des Heiligen an seinem Tag" oder,, Anniversarium und Jubiläum". Das Ablaßjahr zum Millennium 2000 be-weist die bis heute ungebrochene Faszination heiliger Zeiten. Die Benen-nung von Kindern nach dem Tagesheiligen des Geburts- oder Tauftages fälltebenso in dieses Kapitel wie die mikrohistorische Studie über ein Passions-gebet, von dessen Verrichtung zu bestimmten Zeiten man sich nahezumagische Wirkung versprach.
Personen spielen in den ,, eigen- sinnigen Lebenswelten", die in popularenAutobiographien ihren Niederschlag finden, eine wichtige Rolle. Hier gehtes um Ahnen und Heilige, Lebende und Tote. Die von Professor Mitteraueran seinem Institut aufgebaute Sammlung lebensgeschichtlicher Aufzeich-nungen erweist sich für alle Bereiche der Alltagskulturforschung als nieversiegende Quelle. Heilige Handlungen nahmen im Tagesablauf des Dorfes