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Literatur der Volkskunde
ÖZV LIV/ 103
REGENER, Susanne: Fotografische Erfassung: Zur Geschichte medialerKonstruktionen des Kriminellen. München, Wilhelm Fink Verlag, 1999,355 Seiten.
Wir kennen die allgemeine Verstörung, die ein Verbrechen auslöst, das- garnicht so selten- vom ,, unauffälligen, netten Menschen“ von nebenan verübtwird. Es paẞt eben nicht in das kollektive Bild vom Kriminellen. Anderer-seits kennen wir die Bilder von Beschuldigten oder Verurteilten in denpopulären Printmedien, wo die Vorurteile wiederum bestätigt werden:,, Klar, so schauen sie ja aus, die Kriminellen!"
Woher kommt diese Ordnung der Gesichter? Welche Geschichte hat dievisuelle Grenzziehung zwischen inside und outside, zwischen ,, normalen"Bürgern und ,, kriminellen" Außenseitern? Das sind die zentralen Fragen, denenSusanne Regener in ihrer Habilitationsschrift( Universität Bremen, FachbereichKulturwissenschaften) nachging, und die nun als Publikation vorliegt. Ziel derAutorin war es, die historische Entwicklung der institutionell und wissenschaft-lich hergestellten Darstellungs- und Wahrnehmungsmuster über kriminell ge-wordene oder für kriminell gehaltene Menschen am Beispiel der Fotografie zurekonstruieren und die Instrumentalisierung dieser Bilder für das Sichtbarkeits-paradigma von Kriminellen zu thematisieren. Diese Abbildungsgeschichte istsomit auch die Geschichte des visuellen Zugriffs auf den Menschen. LautRegeners These ist„ eine Beschäftigung mit dem Bild des Kriminellen inunserer Kultur zugleich eine Beschäftigung mit bürgerlichen Wert- und Norm-vorstellungen, das heißt die Ikonographisierung ist Teil und Ausdruck sozio- po-litischer Probleme“( Regener, S. 24). Dadurch wird die Polizeifotografie zumintegralen Teil einer Kultur- und Mediengeschichte der Fotografie. Den krimi-nellen Außenseiter begreift Regener als ein sozio- kulturelles Konstrukt, dessenhistorische Verwandlung zu einem( stereotypen) Bild- ohne Vorläuferformender Stigmatisierung zu vergessen- sie nachzeichnen will.
Das Buch lässt sich in zwei große Themenblöcke aufteilen, die zugleichzwei Arbeitsschritte darstellen: Zunächst geht es um die Entstehung desindividuellen Verbrecherbildes als erkennungsdienstliches Instrument undseine Verwendung in der Kriminalistik, ein Prozess, dessen Höhepunkt etwadas standardisierte Erfassungssystem Bertillons bildet. In einem zweitenSchritt wird die Verschiebung zur Bildung von Verbrechertypen und derwissenschaftliche Diskurs darüber in biologischen, medizinischen, rassen-kundlichen Zusammenhängen rekonstruiert. Als herausragender Protagonistdieser Entwicklung wird Cesare Lombroso und sein Archiv ausführlichbehandelt. Der Zeitraum der Untersuchung reicht von den ersten Daguer-reotypien über Kriminelle um die Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur foto-grafischen Erfassung im Nationalsozialismus.