Jahrgang 
103 (2000) / N.S. 54
Seite
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Literatur der Volkskunde

ÖZV LIV/ 103

CHARTIER, Roger, Guglielmo CAVALLO( Hg.): Die Welt des Lesens.Von der Schriftrolle zum Bildschirm. Frankfurt am Main, New York, CampusVerlag, 1999, 688 Seiten.

Einer der wichtigsten Kulturtechniken, dem Lesen, ist die vorliegendePublikation gewidmet. Der Sammelband bietet in 13 Beiträgen einen histo-rischen Überblick über die Geschichte des Lesens in den westlichen Gesell-schaften seit der Antike. An die ausführliche Einleitung der beiden Heraus-geber schließen sich chronologisch geordnet folgende Beiträge an: Archai-sches und klassisches Griechenland: Die Erfindung des stillen Lesens( Je-sper Svenbro), Vom Volumen zum Kodex: Lesen in der römischen Welt( Guglielmo Cavallo), Klösterliche Lektürepraktiken im Hochmittelalter( Malcolm Parkes), Das scholastische Modell der Lektüre( Jacqueline Ha-messe), Lesen im Mittelalter( Paul Saenger), Das Lesen in den jüdischenGemeinden Westeuropas im Mittelalter( Robert Bonfil), Der Humanist alsLeser( Anthony Grafton), Die protestantische Reformation und das Lesen( Dominique Julia) ,,, Populärer Lesestoff und ,, volkstümliche" Leser inRenaissance und Barock( Roger Chartier), Gibt es eine Leserevolution amEnde des 18. Jahrhunderts?( Reinhard Wittmann), Die neuen Leser im19. Jahrhundert: Frauen, Kinder, Arbeiter( Martyn Lyons), Lesen um zulesen: Eine Zukunft für die Lektüre( Armando Petrucci).

Anders, als dies bei solchen Überblickswerken häufig der Fall ist, wird demgroßen historischen Bogen keineswegs der theoretisch- methodische Bezugs-rahmen geopfert. Die Beiträge beruhen allesamt auf zwei grundlegenden Ideen:erstens, dass ein Text seine Lektüre nicht von vornherein festlegt, sondern dasszwischen der Sinngebung der Produzenten und jener der Rezipienten einUnterschied besteht; zweitens, dass ein Text nur insofern existiert, als er einenLeser findet, der ihm Bedeutung verleiht. Es wird also zwischen dem Geschrie-benen und den Lektüren dieses Geschriebenen unterschieden, welche stets inihrem konkreten historischen, sozialen und kulturellen Kontext zu verstehensind. Die Beiträge des Bandes beschäftigen sich sowohl mit der Materialität derTexte als auch mit den Praktiken ihrer Leser. Die historische Leseforschungwird hier als ein Projekt verstanden, in dem es um die Rekonstruktion derverschiedenen Weisen des Lesens geht, um die Aufmerksamkeit gegenübervielfältigen sozialen und kulturellen Differenzen, die auch in der Lesepraxissichtbar werden bzw. diese prägen. Es geht um Fragen nach den jeweiligenLesekompetenzen, Lesenormen und-konventionen, Erwartungshaltungen undInteressen den Texten und der Lektüre gegenüber, um die Gebrauchs-, Verste-hens- und Aneignungsweisen von Texten. Die Welt der Texte wird als Welt vonGegenständen, Formen und Ritualen verstanden, deren Konventionen undKombinationen die Sinnkonstruktion leiten und bedingen.