Jahrgang 
103 (2000) / N.S. 54
Seite
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Literatur der Volkskunde

ÖZV LIV/ 103

RIEKEN, Bernd: Wie die Schwaben nach Szulok kamen. Erzählforschungin einem ungarndeutschen Dorf. Frankfurt am Main- New York: Campus2000, 247 Seiten.(= Campus Forschung 808).

Szulok, ein etwa 850 Einwohner zählendes Dorf im ungarischen Getreide-anbaugebiet, liegt weit genug entfernt von jeglichem Zentrum, um vonvielen politischen Veränderungen des 20. Jahrhunderts nur marginal erfasstworden zu sein. Als ein Ort, an dem sich die deutsche Sprache am bestenerhalten zu haben scheint, bildet es eine wahre Insel im ungarischsprachigenOzean, zumal es noch dazu der einzige katholische Ort in einer kalvinistischenUmgebung ist. Kurz: ein Reliktgebiet mit besten Voraussetzungen für her-kömmliche volkskundliche Feldforschung; würde man zumindest annehmen!

Als Bernd Rieken im Gefolge eines volkskundlichen Feldforschungs-trupps unter Károly Gaál 1993 in das Dorf kam, hatte aber die Modernelängst Besitz von Szulok ergriffen. Da wurden Zimmer an deutsche Touri-sten vermietet und da gab es ein Thermalbad, was die Attraktivität des Ortessteigerte. Es gab Werktagspendler und Saisongastarbeiter und Kabelfernsehen.Die Großmütter unterhielten sich inzwischen beim RTL- Programm anstatt dasssie Geschichten erzählten. Und inmitten dieser Welt, im Aufbruch in das digitaleZeitalter, stand ein Student der Volkskunde mit psychotherapeutischer Ausbil-dung, der Sagen und Märchen aufzeichnen wollte.

Die Absurdität der Situation trug aber auch das Potential revolutionärerNeuerung in sich. Denn der angehende Ethnologe begann, aufgerüttelt durchseine vorprogrammierten Miẞerfolge bei der Erhebung von Volksprosa, dieFeldforschungsprozesse zu hinterfragen. Das Resultat dieser Überlegungenist eine in mehreren Aspekten ungewöhnliche Publikation über die ,, Erzähl-forschung in einem ungarndeutschen Dorf. Wer also eine Auseinanderset-zung mit älteren Erzählsammlungen, mit früheren Erzählforschungskam-pagnen in ungarndeutschen Gebieten, Stoff- und Motivanalysen oder dia-lektale Erzählaufnahmen erwartet hat, wird schwer enttäuscht sein. DasBuch erzählt vielmehr die packende Geschichte einer Meinungsbildung,eingebettet in die Rekonstruktion der Ereignisse während der Interviews.Dabei erscheinen Erzählpassagen im diskursiven Text eingestreut zwischenSituationsbeschreibungen, hilfreichen wissenschaftshistorischen Analysenund Zitaten aus der Sekundärliteratur. Dementsprechend ist auch die Glie-derung der einzelnen Abschnitte inhomogen und dem jeweiligen Themaangepaẞt. Dem ersten seiner neun Gesprächspartner räumt Rieken verhält-nismäßig großen Platz ein, später überwiegen mehr erzählinhaltliche Aspek-te bei der Vorstellung und Bearbeitung der Erzähler. Und weil schon dererste Erzähler beteuert, die ,, deutschen Märchen" verlernt zu haben, gehtunser Autor gleich zur Erforschung des autobiographischen und alltäglichen