2000, Heft 4
Literatur der Volkskunde
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dere ,, Rücksichtslosigkeit"( im Vergleich zu anderen Wissenschaftlern)unterstellen. Eine solche lässt sich nicht erkennen. Man sollte vielmehr dieFragen aufgreifen, die Jacobeit damit implizit und explizit aufwirft- Fra-gen, die weit über seine Person hinausreichen und solche bezüglich derIdentität und Praxis von Wissenschaftlern, des Idealbilds von Wissenschaftund der geschlechtsspezifischen Dimensionen jeglicher Wissenschaft sind.Dass, so gefragt, dies stets politische Ebenen impliziert, die sich nicht ineinem ,, Ost- West"-Gegensatz erschöpfen, muss hier wohl nicht eigens erläu-tert werden. Und dann könnten vielleicht in Zukunft ostdeutsche und westdeut-sche( und österreichische) Wissenschaftler( ohne einem großen oder kleinen,, i") gemeinsam lebensgeschichtlich reflektieren und versuchen, aus der eige-nen Biographie zu lernen.
Gert Dressel
ASSMANN, Aleida: Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen deskulturellen Gedächtnisses. München, C. H. Beck, 1999, 424 Seiten.
Aleida Assmanns 1999 erschienenen Erinnerungsräumen liegt ihre 1992 ander Philosophischen Fakultät Heidelberg eingereichte Habilitationsschriftzugrunde. Nicht zufällig erlebt das Gedächtnisthema an der Jahrtausend-wende Konjunktur. Die Notwendigkeit der Auswahl des Erinnernswertenbestand im Grunde genommen seit der Verwendung der Schrift, welche dieMöglichkeit eröffnete, mehr aufzuzeichnen als das menschliche Gedächtnisbehalten konnte. Seit dem Eintritt in das Informationszeitalter, seitdem wirdurch neue digitale Speichermedien mit einer ständig und rasant wachsen-den Datenflut, mit einer unübersehbaren Wissensvielfalt konfrontiert wer-den, stellt sich die Frage nach den Formen und Wandlungen, aber auchAufgaben und Grenzen kulturellen Gedächtnisses im Laufe der Geschichteaber mit besonderer Dringlichkeit.
Im ersten ,,, Funktionen" überschriebenen Teil ihrer Arbeit sucht Assmannnach einer Ordnung kultureller Erinnerungsräume und schlägt eine Zweitei-lung in ein ,, bewohntes Funktionsgedächtnis“ und ein ,, unbewohntes Spei-chergedächtnis" vor. Ersteres erfüllt jeweils ganz konkrete Funktionen. Esdient Individuen oder Gruppen zur Sinn- bzw. Identitätsstiftung, bietetOrientierungen und Handlungsanleitungen und entsteht durch ,, partielleAusleuchtung der Vergangenheit“( S. 408). Das Funktionsgedächtnis ist perse selektiv und wertgebunden, aber auch zukunftsorientiert. Das Speicher-gedächtnis verhält sich dazu als komplementäre Instanz, als Gedächtniszweiter Ordnung, als ,, Gedächtnis der Gedächtnisse"( S. 134) ,,, das in sichaufnimmt, was seinen vitalen Bezug zur Gegenwart verloren“( S. 134) und