2000, Heft 3
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BOURDIEU, Pierre: Vom Gebrauch der Wissenschaft. Für eine klinischeSoziologie des wissenschaftlichen Feldes(= édition discours, Bd. 12). Kon-stanz, UVK Universitätsverlag Konstanz, 1998, 86 Seiten.
Die Lektüre dieses schmalen Bändchens, dessen Kernstück ein Vortrag desvielgelesenen und-zitierten französischen Soziologen bildet, sei allen in denWissenschaftsbetrieb Integrierten wärmstens empfohlen( also auch Volks-kundlerInnen, die durch ihr Studium kritischen Analysen gegenüber aufge-schlossen sein sollten), denn sein Inhalt hilft, hinter die Kulissen vonwissenschaftlichen Institutionen zu blicken, ihre Netzwerke und ,, Schnit-zeljagden" transparent zu machen( und die gibt's, wenn der Schein nichttrügt, vermehrt ja auch in der Europäischen Ethnologie).
Am Beispiel des INRA( Institut national de la recherche agronomique),des 1946 gegründeten landwirtschaftlichen Forschungsinstituts in Frank-reich, beschäftigt sich der Verfasser( wieder einmal) mit der Welt derWissenschaft, ihren Konflikten und Gegensätzlichkeiten sowie dem Verhal-ten der in sie involvierten Personen. Zudem versucht er, die Strategienaufzuzeigen, die notwendig wären, um den Einfluß der Parteipolitik einzu-dämmen und die Effizienz der Forschung zu erhöhen, was u.a. mit demStellen und Beantworten der Frage nach ihrem ,, gesellschaftlichen Nutzen",mit dem Überbrücken der Kluft zwischen ,, reiner“ und„ angewandter"Forschung zusammenhängt.
Des weiteren entlarvt Bourdieu die ,, Macht- Spiele“ der Wissenschaft( ler-Innen), die nicht wenigen dazu dienen, eigene Eitelkeiten zu befriedigen –mit dem als ,, wissenschaftlich" getarnten Nebeneffekt, allfällige ,, Konkur-renten" zu behindern, an den Rand zu drängen, deren Arbeit abzuwerten.Dazu Bourdieu in einem im Buch( das außer dem Referat auch noch diedarauffolgende Diskussion und eine Bourdieu würdigende Einleitung ent-hält) ebenfalls wiedergegebenen Gespräch über„, Gesellschaft und Gesell-schaftswissenschaft“: ,, Selbst das gegenseitige Anschwärzen, das eine sehrbedeutende Rolle in wissenschaftlichen Kreisen spielt, kommt in wissen-schaftlichem Gewand daher."
Nach Meinung des Autors kann ein Wissenschaftsbetrieb nur dann klag-los funktionieren, seine der Gesellschaft verpflichtete Position erfüllen,wenn die anstehenden Aufgaben von, nach unterschiedlichen wissenschaft-lichen Ansätzen agierenden Personen gemeinsam in einer demokratischenund kollektiven Vorgangsweise erledigt werden, was seiner Ansicht nach( und es fällt leicht, ihm da beizupflichten) einer grundlegenden Dehierar-chisierung bedarf.