2000, Heft 3
Literatur der Volkskunde
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Das ungebaute Wien, Projekte für eine Metropole, 1800 bis 2000. 256.Sonderausstellung des Historischen Museums der Stadt Wien, von10.12.1999 bis 20.2.2000. Wien, Eigenverlag der Museen der Stadt Wien,1999, 526 Seiten.
Stellen Sie sich vor, Sie sitzen gemütlich bei einer Melange und einemApfelstrudel( oder einer Sachertorte u.ä.) mitten am Wiener Graben. Plötz-lich beginnt es zu regnen. Sie jedoch verweilen- in der mit Glas überdach-ten Passage. Das Glasdach schafft Verbindung, verlängert die rechts undlinks den Graben säumenden Geschäfte hinein in den Bereich der Straße undmacht sie zu einem ,, immer geöffneten, Salon' der Bürger“( S. 484). Leider,mögen Sie sich jetzt denken, ist dem aber nicht so. Bei anderen Szenarien,die im Katalog der Ausstellung ,, Das ungebaute Wien" gezeichnet werden,atmen Sie vielleicht beruhigt auf, daß sie Utopie geblieben sind und nichtrealisiert wurden. Die kürzlich im Historischen Museum der Stadt Wienpräsentierte Ausstellung zeigt Entwürfe und Modelle nicht realisierter Pro-jekte, in die der/ die Besucher/ in eintauchen kann. Sparsam eingesetzteRaumtexte und Bildunterschriften kommen dem Flanieren durch die Vor-stellungswelt eines, ungebauten Wiens' entgegen, stehen dem ästhetischenWahrnehmen der Entwürfe nicht im Wege. Um so mehr kommt jedoch demergänzenden Katalog an Bedeutung zu, will man mehr über die einzelnenProjekte wissen, sie im Zusammenhang der Stadtentwicklung verstehen.
Entwicklungen und Rückgriffe auf historische und internationale Vorbilderbzw. die jeweiligen Trends in der Stadtplanung sind in zwölf chronologischgeordneten Kapiteln des Katalogs ebenso wie in der Ausstellung zusammenge-stellt. Von den ersten Ausbruchsversuchen Wiens aus dem Mittelalter überdiverse Kontroversen zwischen Tradition und Moderne bis hin zu kürzlichgefällten Entscheidungen, wie z.B. über das Museumsquartier, wird der Wer-degang Wiens über rund 200 Jahre skizziert. Dafür wurden einige Quellen zumTeil zum ersten Mal bearbeitet und veröffentlicht. Die Intention der Ausstel-lung ist es aber nicht nur, weitgehend unbekanntes Material zugänglich zumachen( nicht realisierte Entwürfe findet man wesentlich seltener in derFachliteratur thematisiert als realisierte, obwohl manche Visionen die Ent-wicklung stärker prägten als tatsächlich gebaute Manifeste). Sondern denInitiatoren geht es auch darum zu zeigen, daß gerade an der ungebauten Stadtzu erkennen ist ,,, in welch hohem Maß das Bild der Stadt, das reale Bild vompolitischen Umfeld, den geschichtlichen Ereignissen abhängig ist“( S. 7).
In der für Wien typischen Wettbewerbspraxis spiegelt sich jenes politi-sche Umfeld deutlich wider. Der Katalog weiß von der ersten großenAusschreibung, die 1858 Kaiser Franz Joseph für einen Grundplan zurStadterweiterung verfaßte, zu erzählen( sie betrifft die heutige Ringstraße)