Jahrgang 
103 (2000) / N.S. 54
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Literatur der Volkskunde

ÖZV LIV/ 103

mit Hilfe derer der genannte Aristides seinen Zustand linderte( bei hohemSeegang rudern, um Erbrechen hervorzurufen) aus heutiger Sicht als ge-sundheitsgefährdend einzustufen sind( S. 96 f.).

Mit mittelalterlichen Traditionen in Ost und West schließt Bergdolt an;kurz geht es um byzantinisches Spitalswesen, um Hospize. Bergdolt faßthier besonders die Benediktiner ins Auge und geht dann auf einige Gelehrteein. Für das 12. Jahrhundert wird die Rolle der Mystik betont- hier tretenerstmals und einzig im Text Frauen auf: Hildegard von Bingen und einigeandere mystisch begabte Nonnen mit ihren Gesundheitskonzepten werdengenannt. Im Rahmen des 14. Jahrhunderts wird der sich entwickelndeSubjektivismus herausgestellt, auch die Spezialisierung von Heiligen aufverschiedene Krankheiten im Zusammenhang mit den 14 Nothelfern undblühendem Reliquienkult; zwischendurch wird wiederholt auf die Bedeu-tung der Astrologie verwiesen.

Mit der Hälfte der Darstellung ist die Renaissance erreicht. Hin undwieder wird die strenge Periodisierung aufgebrochen und epochenübergrei-fend kurz auf Themen wie Hausbücher oder Kräuterkunde eingegangen, undstets kommt der Historiker auf die je aktuelle Rolle von Bädern und körper-licher Betätigung, die Einstellung zu Wein und anderen Genußmitteln zu-rück. Bergdolt zeigt Ungleichzeitigkeiten auf, vergißt nicht zu erinnern,welche Thesen schon einmal da waren( z.B. das in der Geschichte perma-nente Wiederaufgreifen der ,, Viersäftelehre), oder welche Vorstellungenund Konzepte in späteren Zeiten noch Bedeutung haben sollten. Damit wirddeutlich, daß sich die Traditionen mischten, und es nur selten zu Revolutio-nierungen kam, stets konkurrierten verschiedene Gesundheitslehren. Im 17.Jahrhundert rückte, um nur ein Beispiel zu nennen, zwar René Descartes mitseinen Vorstellungen, physikalischen und mechanistischen Konzepten inden Mittelpunkt, dennoch stellte dies auch zeitgenössisch, so Bergdolt, nureine von vielen Spielarten dar.

Das nächste große Kapitel ist den Gesundheitslehren des 18. Jahrhundertsgewidmet, die der Autor unter den Stichworten ,, Pädagogik und, Aufklä-rung" laufen läßt. Nach der Periode um 1800 mit knappen Unterkapiteln zuGeistesarbeitern, Goethes Einfluß auf Diätetik, und den Romantikern, befindetman sich schon im 19. Jahrhundert. Hier wird vor allem der um die Mitte desJahrhunderts erfolgte Paradigmenwechsel in Richtung Naturwissenschaftenbeschrieben man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß Klaus Bergdoltdiese Entwicklung bedauert. Nach 13 Seiten für das lange 19. Jahrhundert istdas Nachwort erreicht. Dort wird nochmals auf die Verflechtung von Gesund-heitslehren, Kultur, Religion und Philosophie hingewiesen. Der Mediziner undMedizinhistoriker beklagt, daß die einfachsten diätetischen Grundsätze( nichtzuletzt zum Nachteil der Gesellschaft, wie er schreibt) in Vergessenheit geraten