Jahrgang 
103 (2000) / N.S. 54
Seite
400
Einzelbild herunterladen
 

400

-

Literatur der Volkskunde

ÖZV LIV/ 103

technisch für jene herstellen könne, die sich die exklusiven Höhenluftkuror-te nicht leisten konnten. Als man elektrische Lampen entwickelt hatte, diedas volle Spektrum des Sonnenlichts enthielten, begann- zunächst in Sana-torien die Karriere der künstlichen Höhensonne. Sie versprach Heilwir-kung gegenüber dem ,, Raubbau an unserer Nervenkraft" ebenso wie gegen,, Schlafmützigkeit und wurde als Rachitis- Prophylaxe bei Kindern einge-setzt. Tavenrath zeichnet in ihrem Aufsatz auch schlüssig nach, wie etwa inden 1960er Jahren der Heilungsdiskurs durch den kosmetischen überlagertund die Höhensonne zum bloßen Bräunungsapparat wurde. Dabei wurde die,, Höhenkonnotation( S. 219) überflüssig. Sonnenstudios können daherebenso auf die Gebirgsmotivik verzichten wie Hersteller von Bestrahlungs-geräten, die das Gebirge aus ihren historischen Firmenlogos allmählichverschwinden ließen. ,, Berg- Bilder" beinhaltet also neben Vertrautem eini-ge sehr aufschlußreiche Analysen über ihre Rolle in den Alltagskulturen undzeigt vor allem, daß es sich lohnt, das sozusagen ,, Große und, Erhabene"im Kleinen und Unscheinbaren festzumachen. Auch Projektionen von Berg-bildern werden eben umso schärfer, je enger der Bildausschnitt ist.

Christian Rapp

BERGDOLT, Klaus: Leib und Seele. Eine Kulturgeschichte des gesundenLebens. München, Verlag C. H. Beck, 1999, 389 Seiten.

Kulturgeschichte möchte Klaus Bergdolt, Medizinhistoriker in Köln, mitseinem Überblick zu Vorstellungen vom gesunden Leben schreiben. DiesesZiel, im Untertitel angekündigt, wird in der Einführung nochmals betont.Der Autor findet es an der Zeit, angesichts Umweltverschmutzung, techno-logischer Entwicklung und diverser Infektionskrankheiten, die historischenDimensionen der Sorge um Leib und Seele bewußt zu machen. Er beginntseine Darstellung mit Bemerkungen zur kritischen Lektüre, liefert dabeiweniger Begriffsklärungen, denn Hinweise auf im Sinne der ,, in Modegekommene[ n] Diskurs- Debatte"( S. 11) problematische Termini. Bergdoltbetont hier und im folgenden die subjektive Ebene von Gesundheit; sprichtvon ,, Urwünschen( langes Leben, Fortpflanzungsfähigkeit, Leistungsfä-higkeit, Kraft, Schmerzfreiheit) und meint, daß die diesbezüglichen Ideal-vorstellungen der meisten Menschen ungeachtet kultureller Grenzen undEpochen über Zeiten und Räume eng beieinander lägen. Gesundheit hat mitNorm zu tun und ist dennoch keineswegs statisch; so sei die starre Defini-tion, mit der die Weltgesundheitsorganisation operiert, charakterisiert durchein Entweder Oder, die Vielfalt möglicher Befindlichkeiten zwischen Ge-