Jahrgang 
103 (2000) / N.S. 54
Seite
393
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2000, Heft 3

Literatur der Volkskunde

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FLIEGE, Thomas: Bauernfamilien zwischen Tradition und Moderne.Eine Ethnographie bäuerlicher Lebensstile. Frankfurt am Main, New York,Campus Verlag, 1998, 479 Seiten.

Thomas Fliege untersucht in seiner am Tübinger Ludwig- Uhland- Institut fürEmpirische Kulturwissenschaft entstandenen Dissertation auf der Basis vonempirischen Erhebungen in Oberschwaben die kulturellen Auswirkungen desModernisierungsprozesses im bäuerlichen Bereich. Forschungsleitend ist dieFrage, wie die landwirtschaftlichen Familien angesichts sich ständig ändernderRahmenbedingungen den gesamtgesellschaftlichen Wandel wahrnehmen undwie sie in Lebensführung und Lebensstil auf diese Veränderungen reagieren.Seine These: Die gesamtgesellschaftlichen Umbrüche haben im Lebensstil derBauern eine besondere Verarbeitung und Verdichtung erfahren.

Die Arbeit besteht aus acht Kapiteln: Die ersten fünf Kapitel liefern denRahmen( Die Volkskunde als, Bauernkunde, Theoretische Grundlagen,Methodologische Rahmenbedingungen, Charakteristika des Untersu-chungsgebietes, Familienstrukturen). Kapitel 6 ist dem Praxisfeld der bäu-erlichen Arbeit gewidmet, hier geht es u.a. um das Naturbild der Landwirte,um die Bewertung der bäuerlichen Arbeit, geschlechtsspezifische Arbeits-rollen, die soziokulturelle Bedeutung körperlicher Arbeit und das Wir- Ge-fühl. Im zentralen Kapitel 7 werden expressive und evaluative Lebensstil-segmente am Beispiel Wohnen, Ernährung und Eẞkultur, Bekleidung, Kon-sum, Freizeit und Religiosität untersucht. Das letzte Kapitel behandelt dasBild vom Bauern in Ideologie und Realität.

Während in den meisten Modernisierungstheorien Tradition und Moder-nität als zwei sich ausschließende Systeme gesehen werden, verwendetFliege Tradition und Modernität mit Hermann Bausinger als ,, Relationalbe-griffe". Im Rahmen der Untersuchung wurde deutlich, daß sich die Vorstel-lung einer linearen Modernisierung als problematisch erweist. Modernisie-rung stelle sich vielmehr als widerspruchsreiche und ungleichzeitige Ent-wicklung dar, in der wechselnde Denkweisen und Verhaltensformen ihrenPlatz behaupten. Die Auffassung von einem zwangsläufigen und geradlini-gen Prozeß der Auflösung traditionaler Lebenswelten konnte so durch einekomplexere Deutungsperspektive ersetzt werden, womit sich die Möglich-keit eröffnet, eine historisch identifizierbare Form der Verschränkung undAmalgamierung von traditionalen und modernen Elementen gesellschaftli-chen Lebens zu rekonstruieren. Die Umsetzung dieser theoretischen Vorga-ben erfolgte in einer qualitativen Lebensstilanalyse, wobei vom Struktur-Habitus- Praxis- Schema Pierre Bourdieus ausgegangen wurde, welches aufder Strukturebene eine Erweiterung um Kohorten-, Alters-, Raum-, Haus-halts- und Geschlechtsaspekte erfuhr.