Jahrgang 
103 (2000) / N.S. 54
Seite
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Literatur der Volkskunde

ÖZV LIV/ 103

GRÖWER, Karin: Wilde Ehen im 19. Jahrhundert. Die Unterschichtenzwischen ständischer Bevölkerungspolitik und polizeilicher Repression.Hamburg, Bremen, Lübeck(= Lebensformen Bd. 13). Berlin, Hamburg,Dietrich Reimer Verlag, 1999. 544 Seiten, ISBN 3-496-02677-4.

Die Autorin schließt mit dieser als Dissertation eingereichten, sozialge-schichtlich- volkskundlich ausgerichteten Studie gleich mehrere For-schungslücken:, Wilde Ehen wurden bislang wenig thematisiert, weder vonSeiten der historischen Familienforschung( S. 12) noch von Seiten derIllegitimitätsforschung. In der Diskussion um obrigkeitliche Ehebeschrän-kungen im Kontext von Armen-, Bevölkerungs- und Bürgerrechtspolitik istauch wenig außerhalb des zentraleuropäischen Raumes bekannt- bisherigeUntersuchungen konzentrierten sich vornehmlich auf Österreich, dieSchweiz oder den süddeutschen Raum. Insofern handelt es sich hier um eininteressantes Unterfangen, einerseits durch die Kombination der genanntenFaktoren und andererseits durch den Vergleich zwischen drei norddeutschenStädten- Hamburg, Bremen und Lübeck. Maßgebliches Auswahlkriteriumfür diese Schauplätze war deren staatliche Eigenverantwortlichkeit, umstädtische Interessen, deren gesetzlichen Niederschlag und deren Umset-zung dezidiert fassen zu können( S. 13). Der Begriff der ,, wilden Ehe" selbsthätte aber wohl aufgrund seiner pejorativen Färbung einer kritischen Refle-xion und einer gewissen Distanzierung bedurft; wie auch der viel verwen-dete Terminus ,, Franzosenzeit etwas befremdlich anmutet.

Die Herangehensweise ist breit angelegt, was sich nicht zuletzt im Um-fang des Buches widerspiegelt. Auch wenn die ausführlichen und genauenRecherchen der sozioökonomischen und rechtlichen Grundlagen sowie derwechselnden sozialpolitischen Konzepte städtischer Repräsentanten inmancher Hinsicht als unverzichtbare Kontexte für das Verständnis zu erach-ten sind, so hätte vielleicht doch manches gestrafft werden können. Diedetaillierte Beschäftigung mit den konkreten Unterschichtpaaren, die unge-traut zusammenlebten, mit deren Existenzbedingungen und StrategienKarin Gröwer bezeichnet das Kapitel auch als Höhepunkt( S. 24) derStudie---beginnt beispielsweise erst auf Seite 308. Zuvor hat die Autorinden städtischen Strukturen, den Verehelichungsmöglichkeiten für Unter-schichten und dem normativ- polizeilichen Kampf gegen die, wilden Ehen'in vielen Details nachgespürt.

Als ein wesentliches Charakteristikum dieser Lebensform zeigt sich, daßdiese Form des Zusammenlebens zwischen sozial schwachen Frauen undMännern die Konsequenz aus unerfüllbaren Voraussetzungen war: So stan-den die Kosten des Bürgerrechterwerbs und der Verehelichung selbst inkeinem Verhältnis zu den Löhnen- bisweilen war auch explizit ein Vermö-