Jahrgang 
103 (2000) / N.S. 54
Seite
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Literatur der Volkskunde

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einbezogen wurde, was die linguistische Realität der Zeit an Ausdrucksmög-lichkeiten zu bieten hatte.

Die beiden letzten Artikel beziehen sich auf den notorischen Hunger desKaragiozis( S. 229 ff.) bzw. die Antithese als Strukturprinzip der Schat-tentheateraufführung( S. 227 ff.). Manche dieser Studien haben essayhaftenCharakter und sind auch stilistisch ein Hochgenuß der Lektüre. Meraklisversteht es wie kein anderer, entlegene Quellenbereiche wie die antikenHistoriker, byzantinische und neugriechische Literaten, ekklesiale Predig-ten und Homilien, demographische Statistiken, soziologische und kulturan-thropologische Monographien, Chroniken, erzählte Autobiographien, Tage-bücher, Zeitungsberichte und volkskundliche Archivquellen in seine imwesentlichen kulturhistorischen und kulturphilosophischen Überlegungenmiteinzubeziehen und so etwas wie eine Ästhetik der Quellenhandhabungzu bieten, eine Art wissenschaftlicher ,, Poesie, die auf den kompetentenLeser einen eigentümlichen Reiz ausübt, um so mehr, da sie gewöhnlich eineoriginelle Grundidee in unerwarteten Kombinationen und Quellenbereichenverfolgt und präsentiert. Die Reife der Meisterschaft läßt diese wissen-schaftlichen Essays zu kleinen Kunstwerken avancieren: sprachlich- stili-stisch, gedanklich- konzeptionell und dokumentarisch- quellenmäßig. Arsund scientia müssen nicht immer verfeindete Töchter sein.

Walter Puchner

PHIPPS, Alison M.: Acting Identities. An Investigation into South WestGerman Naturtheater. Bern, Peter Lang, 2000. xii+ 226 Seiten, Appendix,Bibliographie.

Alison Phipps ist eine britische Germanistin, die für ihre Dissertation einThema fand, das ihr erlaubte, die üblichen methodologischen und theoreti-schen Ansätze ihres Faches zu erweitern. In dieser Arbeit zur Praxis einigerNaturtheaterbühnen in Südwestdeutschland versuchte sich die Autorin inethnographisch fundierter teilnehmender Beobachtung, gestützt durch Inter-views und lokales Quellenmaterial( S. 27). Das Resultat ist eine rechthybride Studie, stark geleitet von der offensichtlichen Zuneigung der Auto-rin zu den Naturtheaterspielern, sowie ihrem Versuch, die britischen Cultu-ral Studies mit amerikanischer Kulturanthropologie, insbesondere derenethnographischem Ansatz, und der deutschen empirischen Kulturwissen-schaft zu verbinden. All dies angewandt auf eine, Gattung der Volkskultur,die zwischen Text und Performanz, sowie zwischen ideologiebehaftetenUrteilen zu ,, Kunst und Laienhaftigkeit angesiedelt ist, und die noch