2000, Heft 3
Chronik der Volkskunde
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verhängnisvollen Weg, den das eigene Volk in mythomaner Selbstüberhe-bung und herausforderndem Trotz eingeschlagen hat. In der Serie ,, Kadkazem novine“( Wenn ich Zeitung sage; gemeint ist die offiziöse BelgraderZeitung ,, Politika“), die er im vergangenen Jahr in der Zeitung ,, Danas“( Heute) und im Freien Radio B- 92 veröffentlichte- sie liegt inzwischen inBuchform mit englischer Übersetzung vor-, sezierte er mit Ironie undSarkasmus die von einem absonderlichen Mystizismus durchtränktenÄußerungen serbischer Politiker, Wissenschaftler und Literaten. Diese, beiallem Ernst der Sache, überaus witzig geschriebenen Texte werden dereinst,wenn der Nationalwahn zerrinnt, als Zeugnisse des anderen, des wahren undnüchternen Serbiens gelesen werden.
Zehn Bücher und an die 300 Aufsätze und Rezensionen, dazu zehn Überset-zungen aus dem Französischen hat Ivan Čolović in den letzten 30 Jahrenveröffentlicht.( Einiges davon liegt in deutscher Übersetzung vor.) Vor allemdie Bände ,, Bordell des Kriegers"( Bordell ratnika, 1993, 1994 in deutscherÜbersetzung) und ,, Politik des Symbols"( Politika simbola, 1997), aus zahlrei-chen, am Puls der Zeit gewonnenen Wahrnehmungen entstanden, haben einbedrückendes Bild von der Verschränkung einer bestimmten Politik mitbestimmten Mythen entstehen lassen. Da Ivan Čolović als Wissenschaftlernicht umhin kann, dies zu erkennen und darüber zu schreiben, sind seineAnalysen zum Politikum geworden, ist er zum ,, Andersdenkenden“ gewor-den- zum ,, inakomysljaščij“, wie man in Rußland die Dissidenten nannte. DasHerder- Preiskuratorium ist sich dieser Zusammenhänge bewußt; es ehrt durchdie Preiszuerkennung einen bedeutenden Wissenschaftler und unerschrockenenPublizisten, der das ,, andere Serbien" repräsentiert.
Reinhard Lauer
Nikolaus Grass, Hermann Wopfner, Tirol und dasBergbauernbuch
Zum Tode von Univ.- Prof. DDDr. Dr. hc. Dr. hc. Nikolaus Grass
( 1913-1999)
Am 5. Oktober 1999 ist Nikolaus Grass im Alter von 86 Jahren in Hall i.T.verstorben. Mit ihm ging einer der großen und bedeutenden, aber auch einerder vielseitigsten Gelehrten Österreichs von uns. Denn nicht nur in seinereigentlichen Domäne, der Deutschen Rechtsgeschichte, hat er Bedeutendesgeleistet, er war in gleicher Weise kompetent für die Kanonistik, die Öster-reichische Geschichtswissenschaft, die Wirtschaftsgeschichte und nicht zu-letzt für die Volkskunde. Davon zeugen etwa der von ihm herausgegebene