Aufsatz in einer Zeitschrift 
Germaine Tillion : eine französische Ethnologin im Frauen-KZ Ravensbrück
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

Band LIV/ 103, Wien 2000, 325–332

Mitteilungen

Germaine Tillion

Eine französische Ethnologin im Frauen- KZ Ravensbrück

Wolfgang Jacobeit

Am 31. Mai 2000 beging Germaine Tillion ihren 93. Geburtstag.

Das Leben dieser Frau, in jeder Phase ihres Wirkens und Schaffens, istso ungewöhnlich, dass es notwendig erscheint, auf sie als, ,, unsere Kollegin"aufmerksam zu machen.

Germaine Tillion hat den Weg zur Ethnologie über die elterlichen Bezie-hungen zur Vor- und Frühgeschichte, der Kunst- und Architekturgeschichte,schließlich aber als Schülerin von Marcel Mauss gefunden ,,, que j'ai suivisassidûment", sagte sie in einem Interview mit der Zeitung ,, Libération" vom3. Februar 2000; Marcel Mauss, der für nicht wenige Ethnologen einbegeisternder Lehrer war.

Trotz der Befürchtungen der Mutter entschied sich Germaine Tillion fürdie Aufnahme von Feldforschungen bei den Berberstämmen Algeriens. Siedachte niemals an Gefahren, die ihr drohen könnten, sondern sie fühlte sichunter ihnen wie bei Freunden.

Der Überfall der Deutschen auf die Beneluxländer am 10. Mai 1940, dieEinnahme von Paris, die Besetzung Frankreichs bis zur Loire und dieBildung der Vichy- Regierung unter General Pétain beendete zunächst ihreForschungen. Als Angehörige des Musée de l'Homme wurde sie bald aktivesMitglied der Résistance. Hier bestand eine der ersten Widerstandszellen inFrankreichs Hauptstadt, wo man alles Mögliche, was nicht in die Hände derDeutschen fallen sollte, verstecken konnte- auch Waffen-, wo man Nach-richten übermittelte, wo man nach Gelegenheiten suchte, flüchtige Men-schen über die Demarkationslinie ins noch freie Vichy- Frankreich zu schleu-sen u.a.m. Museumskollegen waren schon im Februar 1941 verhaftet undnach einem langen Prozeß ein Jahr später erschossen worden. GermaineTillion geriet im August 1942 in eine Falle, als sie sich beim vorgesehenenTreffen mit einem angeblichen Widerständler einem Spitzel auslieferte. Siewurde verhaftet, ihre Mutter ebenfalls, und beide kamen über die berüchtigtefranzösische Haftanstalt Frèsnes nach Ravensbrück, und zwar alssogenann-te NN( Nacht- und Nebel)-Häftlinge, die den Nazis als besonders gefährlich